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Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz

Foto: Jakob Rohrmann

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Sie waren Nachbarn


Am
Sonnabend, 12. November 2016 zwischen 9:30 und 11:30 Uhr verlegt Gunter Demnig zehn Stolpersteine in Steglitz. Am selben Tag findet um 15 Uhr eine Gedenkveranstaltung in der Ev. Matthäus-Gemeinde statt (Schloßstraße 44, 12165 Berlin). Dort wird an die Namen und Biografien erinnert, dazu singt der jüdisch-christliche Shalom-Chor.

Die Steine wurden durch verschiedene Paten initiiert: Ein Stein geht auf die wissenschaftliche Recherche eines Publizisten zurück, der Stein für das Opfer eines sogenannten „Euthanasie“-Mordes wurde von Angehörigen beantragt, ein Stein vor dem Blindenheim Wrangelstraße ebenfalls von einer Angehörigen, mehrere Steine für eine Familie von Anwohnern, zwei Steine von der Friedenauer Stolperstein-Initiative.

Zeitplan der Verlegungen am 12. November und Biografien:

Der Arzt Dr. Felix Abraham war 36 Jahre alt, als er sich im September 1937 in Florenz das Leben nahm. Beständig in Geldnöten und gesundheitlich zerrüttet, verließ er die Wohnung in der Gritznerstraße 78. Sein Vertrag als Leiter der sexualforensischen Abteilung im Magnus-Hirschfeld-Institut wurde 1933 gekündigt. Seine Bareinlage in beträchtlicher Höhe, die er 1929 einbringen musste, wurde nicht zurückgezahlt.

Rund 40 jüdische Menschen lebten und arbeiteten in der „Jüdischen Blindenanstalt“ in der Wrangelstraße 6–7, darunter Louis Friedländer. Regelmäßig fuhr er mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch Berlin nach Weißensee, um seine Mutter zu besuchen. 1941 räumte die Gestapo das Haus. Im September 1942 wurden Louis und weitere 25 ehemalige Bewohner der Wrangelstraße nach Theresienstadt deportiert.

Düppelstraße 32, Ecke Kielerstraße: Hier lebte Dorothea Badrian mit ihrer verwitweten Mutter Fanny, der sie den Haushalt führte. Nach dem Tod der Mutter erbten Dorothea und ihre Geschwister Hildegard und Walter diese und weitere Immobilien. Dorotheas Vermögen wurde vom Deutschen Reich eingezogen. Im März 1942 wurde sie nach Piaski deportiert.

In der Mansarde wohnte die Fotografin Elly Lisser. In ihrem Atelier in der heutigen Bundesallee 26 portraitierte sie Schauspieler und Künstler. Im März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert.

John Goldschmidt, gut situiert in der Tabakwarenbranche, musste 1934 sein Geschäft aufgeben. Schweren Herzens trennte er sich 1938 von seiner evangelischen Frau Charlotte und den beiden kleinen Töchtern. Er verließ die Wohnung in Schöneberg und zog als Untermieter zu Betty Singer in die Schützenstraße 53. Zur Zwangsarbeit bei der S- Bahn verpflichtet, musste er später mehrfach die Unterkunft wechseln. Im Januar 1944 wurde John Goldschmidt erst nach Theresienstadt, im September nach Auschwitz deportiert.

Ebenfalls in der Schützenstraße 53 lebte seit 1935 die Familie Siegfried, Clara und Vera Zwillenberg. Statt Ausbildung oder Studium zu absolvieren, musste Vera bei der Carl Friedrich Schauer & Co. KG Zwangsarbeit leisten, der Vater Siegfried bei den Berliner Wellpappenwerken. Im August 1942 wurde die Familie nach Riga deportiert.


Das zweite Kind war gerade geboren, da verlor die junge Mutter Hildegard Blanckenhorn ihr früheres sonniges Wesen. Apathisch und voller Angstzustände verließ sie die Wohnung in der Leydenallee 66 nicht mehr, hörte Stimmen. 1928 begann für die 26-Jährige nun ein Leben in der Psychiatrie. Im Juli 1940 wurde sie nach Brandenburg an der Havel gebracht und im Rahmen der „Aktion T 4“ getötet.


Der Bankangestellte Siegfried Sternweiler, der als junger Mann aus der Nähe von Heidelberg nach Berlin gekommen war, nahm 1938 den jüdischen Namen Salo an, um dem Namenszusatz Israel zu entgehen. Auch in anderer Hinsicht versuchte er, sich den rassenpolitischen Demütigungen zu widersetzen. Im Juni 1941 war er schließlich so verzweifelt, dass er sich in der Wohnung am Munsterdamm 24 das Leben nahm. Er hinterließ eine Frau und drei Söhne.