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Altenpflegeheimseelsorge braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Menschen

Pfarrerin Susanne Peters-Streu verabschiedet sich in den Ruhestand

Nach 30 Dienstjahren im Kirchenkreis Steglitz geht Pfarrerin Susanne Peters-Streu am 30. Juni 2020 in den Ruhestand. Fast fünf Jahre war sie die erste kreiskirchliche Pfarrerin für Altenpflegeheimseelsorge. Zuvor hat sie 8 Jahre in der Lankwitzer Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und 17 Jahre in der Gemeinde Petrus-Giesensdorf mit dem Schwerpunkt Kinder und Familien gearbeitet. Ihr Vikariat hat sie ebenfalls Lankwitz, in der Dreifaltigkeitsgemeinde abgeleistet. Darüber hinaus war Susanne Peters-Streu insgesamt fünfzehn Jahre stellvertretende Superintendentin des Kirchenkreises Steglitz, davon ein Jahr amtierend.

Frau Peters-Streu, Sie waren die erste Altenpflegeheimseelsorgerin im Kirchenkreis Steglitz und bald fünf Jahre in diesem Dienst. Können Sie drei Stichworte nennen, die die Arbeit in aller Kürze kennzeichnen?
Da sein. Bei den Menschen sein. Sichtbar sein für die Mitarbeitenden in den Häusern und sichtbar sein auch als Vertreterin der Kirche.
Sehen. Hinsehen, den anderen Menschen und die Situation sehen und wahrnehmen.
Teilen, was ist. Sich freuen mit den Fröhlichen und traurig sein mit den Traurigen. Es geht nicht um „Machen“, sondern um Mitgehen.

Was haben Sie gelernt?
Die alten Menschen haben viel Widerstandskraft. Durch Krieg und Not haben sie Erfahrung damit, Schweres zu durchleben. „Man muss das Leben eben leben, wie das Leben einem gibt“, sagte eine an Demenz erkrankte Frau zu mir. Eine Lebensweisheit. Sie hilft, auch mit begrenzten Möglichkeiten Leben zu gestalten. Natürlich gibt es auch Menschen, die hadern. Die Lebensskripte sind verschieden.

Wie sind Sie von den Alten angenommen worden? Wie sah Ihr Besuchsalltag aus?
Pro Region habe ich jede Woche eine Einrichtung aufgesucht. Manchmal habe ich mir Besuche bei bestimmten Menschen vorgenommen und es stellte sich vor Ort ganz anders dar als erwartet. Ich habe mich also lieber offengehalten für das, was auf mich zukommt. Dabei war mir auch die Körperorientierte Seelsorgeausbildung eine große Hilfe. Sie schult den Blick für die Wahrnehmung des körperlichen Ausdrucks. Nur ein einziges Mal habe ich erlebt, dass jemand von mir nicht besucht werden wollte.

Was hat Sie am meisten überrascht, erfreut?

Ich habe mich in den Häusern immer willkommen gefühlt. Meine Arbeit wurde von den Leitungen und Mitarbeitenden wertgeschätzt. Das hat mich gefreut.


Gab es Hindernisse?
Ich wäre gern mehr in die Besprechungen der Pflegeteams eingebunden gewesen. Ihre Sicht auf einzelne Bewohnerinnen und Bewohner zu kennen, hätte meine Tätigkeit bereichert. Manchmal waren Menschen einfach weg, weil niemand daran dachte, mich zu benachrichtigen. Da ich nicht als Mitarbeiterin wahrgenommen wurde, war so viel Kooperation nicht möglich. Das ist natürlich anders bei Kollegen, die direkt in einem Heim angestellt sind. Auf diese Weise war meine Arbeit recht einsam.

Haben Sie kritische Situationen erlebt?

Der Personalmangel führt manchmal zu überfordernden Situationen, das ist schwer zu ertragen. Gelegentlich konnte ich hilfreich sein, einfach weil ich da war. Manchmal habe ich Menschen im Gottesdienst vermisst, ich wusste, wer gerne teilnimmt. Aber ich wusste auch, dass niemand Zeit gefunden hat, sie rechtzeitig aus dem Bett zu holen oder sie herunterzubringen.

Was braucht es am dringendsten?
Die Altenpflegeheimseelsorge braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Menschen. Sie braucht Solidarität mit dem Leben, wie es am Ende ist. Und es ist manchmal richtig schwer.

Welche Eigenschaften sollte eine Altenpflegeheimseelsorgerin mitbringen?
Eine kontemplative Grundhaltung ist wünschenswert. Ruhig sehen, zuhören, wahrnehmen. Geduldig sein und aushalten, dass es ist, wie es ist. Man muss in Kontakt gehen können, sowohl zu sich selbst als auch zum anderen. Und eine Portion Fröhlichkeit sollte auch dabei sein. Feste und Feiern sind ein wichtiger Bestandteil des Lebens im Pflegeheim, um so auch Gelöstheit und Lebendigkeit zu erfahren.

Es braucht auch Ehrenamtliche, die sich im Altenpflegeheim engagieren. Bei allen Besuchsdienstprojekten ist dieses Betätigungsfeld am schwierigsten zu vermitteln. Was können Ehrenamtliche im Pflegeheim lernen?

Am meisten lernt man über sich selbst und für sich selbst. „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern, wie wir sind“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther. Im Aufenthaltsraum eines Pflegeheims kann ich also Not und Elend sehen oder Ruhe, ein Ausruhen nach einem langen Leben. Es geht nicht um einseitige Hilfeleistung, sondern um ein Geben und Nehmen. Für ein Ehrenamt im Altenpflegeheim braucht es die Bereitschaft, die Erfahrungen zu reflektieren und Fortbildung. Hier macht unsere Krankenhausseelsorge mit der Ausbildung für den Besuchsdienst oder auch das Geistliche Zentrum für Demenz sehr gute Arbeit.

Wie würden Sie die Arbeit in den Altenpflegeheimen aufstellen, wenn Sie alle Möglichkeiten hätten?

Vor allem würde ich die Beziehung Pflegeheim–Kirchengemeinde durch Besuchsdienstarbeit stärken. Die Menschen in den Heimen gehören zur Gemeinde, das gerät manchmal aus dem Blick. Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit in der EKD hat mit dem Projekt „Sorgende Gemeinde“ einen guten Ansatz. Das Pflegeheim könnte zum Beispiel ein Jahresthema in der Gemeinde sein, es gibt viele Anknüpfungspunkte. In Wannsee gibt es dieses Rikscha-Projekt, wo Alte von jungen Leuten herumgefahren werden oder es könnte ein regelmäßiges Abendliedersingen geben oder der GKR könnte einmal im Jahr im Heim tagen. Einmal war ich zum Gottesdienst im Pflegeheim und gleichzeitig war da eine Kita-Gruppe wegen einer Terminkollision. Wir haben dann einfach einen Spontangottesdienst für Große und Kleine gefeiert. Das war für alle Beteiligten schön und ein echtes Highlight. Es gibt auch schon tolle Projekte, wo Kita-Kinder, Konfis oder Schülerinnen und Schüler in die Pflegeheime gehen. Da ist aber noch mehr drin.

Möchten Sie eine Botschaft hinterlassen?
Altenpflegeheimseelsorge braucht Menschen, Zeit und Geld. Diese Struktur, dass Heime Dividenden erwirtschaften, die an Aktionäre ausgeschüttet werden, muss abgeschafft werden. Sie stellt das Geld vor das Leben.
Jeder Kirchenkreis sollte eine Stelle für die Altenpflegeheimseelsorge einrichten, damit das Thema präsent bleibt.
Diakonische Träger sollten grundsätzlich professionelle Seelsorger im Team haben. Das ist leider nicht immer der Fall.

Was hatten Sie sich für das Arbeitsfeld vorgenommen und wie ist es geworden?

Bei und mit den Menschen zu sein, mit den Einzelnen und gemeinsam mit denen im Gottesdienst. Mir Tröstendes schenken zu lassen. Und genau so war es. Gerade die Gottesdienste waren auch für mich immer tröstend und stärkend.

Und nun, liebe Frau Peters-Streu, worauf freuen Sie sich im Ruhestand?

Ich freue mich einfach auf die Zeit ohne Dienstpflicht. Ich bin gespannt, was mir fehlen wird. Ich freu mich auf den offenen Raum vor mir und will aufmerksam sein für das, was wachsen will.

ub





Letzte Änderung am: 03.06.2020