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5 Jahre Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin

Ein Gespräch mit dem, der die Fäden zusammenhält

Seit über 20 Jahren ist er Demokratie-Trainer, privat stellt er Rassismus-freie Kinderliteratur zusammen: Jens Mätschke-Gabel leitet die die Geschäftsstelle des Bündnisses für ein weltoffenes und tolerantes Berlin. Für den Kirchenkreis Steglitz ist Christiane Kehl, Beauftragte für Migration und Integration, die Schaltstelle zum Bündnis. Zum anstehenden Jubiläum hat sie ein Gespräch mit Jens Mätschke-Gabel geführt.


Lieber Jens, im Herbst wird das Bündnis schon fünf Jahre alt, Zeit ein wenig zurückzuschauen. Von wem ging damals eigentlich die Initiative aus?

Die vier Gründungsmitglieder waren der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Diakonie, das Erzbistum Berlin und die EKBO. Sie hatten sich vorher schon zu spontanen Aktionen zusammengetan, um dem wachsenden Neonazismus in Berlin entgegenzutreten und den Einsatz für ein weltoffenes und tolerantes Miteinander sichtbar zu machen. Mit diesen „Hau-Ruck-Aktionen“ entstand der Wunsch nach einer Organisation, die das Engagement der Beteiligten auf Dauer stellt. Das bundesweite Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) (www.netzwerk-courage.de), mit dem der DGB bereits gut vernetzt war, wurde als Partner gefunden. So übernahm das NDC die Trägerschaft der Geschäftsstelle, ohne selbst Mitglied im Bündnis zu sein. Unsere Arbeit sollte dauerhaft, effizient und ohne viel Bürokratie erfolgen – deshalb wurde das Bündnis nicht als Verein gegründet und auf eine Finanzierung durch Fördermittel und Projektanträge verzichtet.

Wie schätzt du die Bedeutung des Bündnisses ein? Ist es groß oder eher ein Player unter vielen?

Das Bündnis ist groß! Groß hängt nicht mit der Anzahl der Bündnismitglieder zusammen, sondern mit deren verzweigten Strukturen und jeweiligen Wirkung. Zu unseren 22 Mitgliedern gehört z.B. der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin, dem über 700 Organisationen angehören. Groß sind wir auch, weil wir mit der Art unserer Aktionen sehr viele Menschen ansprechen: So nehmen die Leitungen unserer Mitglieder oft mit Redebeiträgen bei Veranstaltungen oder Fachkonferenzen teil. Außerdem sind wir sehr achtsam in unserer Sprache und positionieren uns nicht nur gegen diskriminierende Aussagen, sondern formulieren auch, wofür wir stehen. Und unsere Demonstrationen sind so geplant, dass sich auch Familien mit Kindern sicher fühlen und dazu kommen.

Die Bündnismitglieder kommen aus ganz verschiedenen Bereichen: Gartenfreunde, Kirche, türkischer Bund, Landessportbund, Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, Deutsches Jugendherbergswerk … (alle Mitglieder HIER). Empfindest du diese Vielfalt als bereichernd oder auch schwierig in der Zusammenarbeit?

Die Vielfalt ist eine große Stärke unseres Bündnisses, denn mit ihr wirken wir in viele Bereiche hinein und sprechen ganz verschiedene Gruppen unserer Gesellschaft an. Intern bedeutet sie aber auch, dass unsere Bündnismitglieder selbst sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung machen. Damit können und müssen wir voneinander lernen und uns gegenseitig sensibilisieren. Die Aufnahme unseres letzten Bündnismitglieds, dem Polnischen Sozialrat, hat uns darin einen weiteren großen Schub gegeben.

Das Bündnis wird mit sehr geringer Bürokratie von dem sechs-köpfigen Steuerungskreis geleitet. Wie nimmst du diese Leitung wahr?

Der Steuerungskreis ist eine tolle, stabile Gruppe. Er setzt sich aus den vier Gründungsmitgliedern zusammen und zwei weiteren, die alle zwei Jahre neu oder wiedergewählt werden. Alle zwei Monate tauschen wir uns aus und treffen uns einmal im Jahr mit allen Mitgliedern auf unserer Vollversammlung. Bei unseren Treffen sind wir fast immer komplett, und das Engagement und gegenseitige Vertrauen schafft ein gutes Klima für die Zusammenarbeit. Das Vertrauen wirkt übrigens auch in das Bündnis hinein, denn die Beschlüsse unseres Steuerungskreises sind bis jetzt immer im Bündnis befürwortet worden.


© Bündnis Berlin

Welche Aktionen der letzten fünf Jahre sind dir als besonders gelungen in Erinnerung geblieben?

Im Sommer 2018 haben wir zu einer Demonstration in Spandau aufgerufen, gegen das angekündigte Gedenken an Rudolf Heß. Etwa 450 Demonstrierende nahmen auf unserer Seite teil, und hochrangige Rednerinnen und Redner gaben in ihren Beiträgen wichtige Impulse zu diesem Geschehen (Mehr dazu HIER). Dieses Engagement führte unter anderen dazu, dass die Heß-Veranstaltung seitdem nicht mehr stattfand!

Unsere Fachtagung 2019 "Wie können wir in populistischen Zeiten Haltung zeigen?" fand ich ebenfalls sehr gelungen, denn an diesem Tag im Abgeordnetenhaus hatten wir Gelegenheit, von anderen Akteuren in diesem Bereich zu hören, zu lernen und miteinander mehr ins Gespräch zu kommen. Mit einigen Akteuren, wie der "Mobilen Beratung gegen Rechts" und dem Netzwerk "Berlin gegen Nazis" arbeiten wir regelmäßig zusammen. Die weiteren Kontakte ermöglichen unseren Mitgliedern auch kurze Wege der individuellen Zusammenarbeit.

Sehr interessant und motivierend für mich waren unsere Informationsstände bei den Familiensportfesten des Landessportbundes 2018 und 2019. Der LSB ist ebenfalls Mitglied. Hier führte ich viele tolle Gespräche mit den Gästen und bekam oft die Rückmeldung, dass Bürgerinnen und Bürger es schätzen, wenn sich Verbände und Glaubensgemeinschaften gegen Rassismus und für Weltoffenheit klar positionieren.

Lieber Jens, du hältst seit der Einrichtung der Geschäftsstelle im März 2017 dort die Fäden unseres Bündnisses zusammen – nur mit einer Unterbrechung in deiner Elternzeit. Was motiviert dich zu dieser Arbeit in diesem schwierigen und teilweise auch gefährlichen Bereich?

Ich bin schon sehr lange in diesem Bereich aktiv. Angefangen habe ich als Student, als ich durch einen Job mit dem Netzwerk "Demokratie und Courage" in Kontakt kam. Seit über 20 Jahren arbeite ich dort als ehrenamtlicher Demokratie-Trainer für Jugendliche und Studierende. Das mache ich sehr gern, weil es gut ist, bei jungen Menschen mit dem Demokratieverständnis zu beginnen und sie für Diskriminierungen zu sensibilisieren. Das Thema Toleranz und Demokratie zieht sich durch mein ganzes Leben, und ich war sehr froh, als ich 2017 die Geschäftsstelle übernehmen und gestalten konnte. Und ich will noch ein kleines Geheimnis verraten. Mit Rassismus in Kinderbüchern beschäftige ich mich schon lange privat und habe als Reaktion eine Webseite mit Empfehlungen für positive Bücher erstellt: www.meinekinderbücher.de

Jetzt haben wir die knapp fünf Jahre unseres Bündnisses in den Blick genommen. Das war sehr interessant. Eine letzte Frage: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Dass wir mit unseren Aktionen auf den Straßen Berlins noch mehr Menschen ansprechen und als Bündnis noch besser die Berliner Gesellschaft in ihrer Diversität abbilden, z.B. auch durch Kooperation mit postmigrantischen Organisationen. Momentan sind wir noch ziemlich "weiß", aber wir bemühen uns, alles mitzudenken. Bündnisintern bin ich gespannt darauf, wie wir noch mehr voneinander lernen und profitieren und uns gegenseitig unterstützen können. Und schließlich eine ganz persönliche Vision: wenn unser Bündnis noch ein wenig wächst und es damit weitere finanzielle Beteiligungen gibt, würde ich mich freuen, wenn wir in unserer Geschäftsstelle mit zwei halben Stellen vertreten sein könnten. So ließen sich vor allem die Arbeitsspitzen vor Demonstrationen besser gemeinsam bewältigen und es würde mehr Kreativität in den Planungen geben.

Vielen Dank, lieber Jens Mätschke-Gabel, für dieses aufschlussreiche Interview. Jetzt sehe ich unser Bündnis mit ganz anderen Augen und bin sehr dankbar, dass es das Bündnis gibt, dass du die Geschäftsstelle leitest und unser Kirchenkreis dazu gehört! 

Christiane Kehl

Letzte Änderung am: 25.05.2021