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Die Königin der Instrumente

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Geschichte der Orgel

Michael Zagorni, Kantor der Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf, stellt die Geschichte und Tradition des Orgelbaus über die Jahrhunderte vor.


Mit der Orgel als "Instrument des Jahres" fiel die Wahl auf ein ganz außergewöhnliches Instrument. Sie funktioniert wie ein Blasinstrument, die meisten Orgelpfeifen werden angeblasen wie eine Blockflöte. Andere Pfeifen, die "Zungenregister", funktionieren wie eine Klarinette. Alles ist zusammengefügt zu einem gigantischen Werk, große Orgeln haben in ihrem Innern mehrere tausend Pfeifen. Uns beeindruckt das gewaltige Brausen des vollen Orgelwerkes genauso wie der sanfte Klang eines einzelnen Flötenregisters. Bei großen Orgeln gibt es Pfeifen mit einer Länge von über 5 Metern für die tiefsten Basstöne, daneben haben die kleinsten Pfeifen für die höchsten Töne eine klingende Länge von nur ca. einem Zentimeter. Sowohl bei den tiefsten Basstönen, als auch bei den höchsten Obertönen geht die Orgel an die Grenzen unseres Hörvermögens. Die Orgel stellt ein ganzes Orchester dar, das von nur einem einzigen Spieler gespielt wird. So hat sie den Titel "Königin der Instrumente" bekommen.

Jede Orgel eine eigene Klangwelt

Für uns gehört Orgelmusik zu jedem Gottesdienst: die Orgel eröffnet den Gottesdienst, sie drückt verschiedene Stimmungen aus und sie unterstützt uns beim Singen.

Im Prinzip ist jede Orgel ein individuelles Einzelstück, das für den jeweiligen Raum extra entworfen wurde. Wenn ich in Ruhe ein altes Instrument spiele, so habe ich das Gefühl, die Orgel hat mir viel zu erzählen: über Generationen hat sie Andachten begleitet, hat Glück und Trauer gesehen. Die Klangwelten eines solchen Kirchen-Instrumentes zu entdecken, ist für mich eine Form von Musik-Andacht.

Erste Orgeln vor unserer Zeitrechnung

Ursprünglich ist die Orgel kein kirchliches Instrument: Orgeln gab es bereits im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt im heutigen Ägypten, im römischen Reich waren sie weit verbreitet. Es gab kleine Instrumente, mit denen in den Bürgertumshäusern musiziert wurde und große Instrumente, die in den römischen Arenen das Publikum in Stimmung brachten. Wie unsere heutigen Orgeln besaßen diese alten Instrumente sowohl Pfeifen aus Metall als auch welche aus Holz. Alle Pfeifen wurden mit Luft angeblasen. Um einen ausreichenden, gleichbleibenden Luftdruck zu erzeugen, benutzte man Wasser, daher erhielten die Instrumente die Bezeichnung "Wasserorgel", obwohl sie mit Luft gespielt wurden.

Um 800 n. Chr. erste Orgel in Kirchenbesitz

Im byzantinischen Reich spielten Orgeln am kaiserlichen Hof und untermalten die Zeremonien. Um 800 wird davon berichtet, dass der byzantinische Kaiser dem Papst in Rom eine Orgel schenkte. Dies war die erste Orgel, die in einer christlichen Kirche spielte. In der folgenden Zeit wurden Orgeln in Bischofs-Kirchen aufgestellt. Die Orgeln spielten im Gottesdienst im Wechsel mit dem Gesang der Mönche. Über viele Jahrhunderte hinweg besaßen nur besonders bedeutende Kirchen Orgeln. Gesungen wurde ohne Begleitung: unsere heutige Praxis, dass die Orgel den Gemeindegesang begleitet, kam erst sehr spät auf.

Von den Orgeln dieser frühen Zeit gibt es keine Beschreibungen. Die ältesten Orgeln, die noch existieren, stammen aus dem 15. Jahrhundert. Bis dahin hat sich die Orgel weit verbreitet. Dabei haben sich in den verschiedenen Regionen Europas ganz verschiedene Orgelbau-Traditionen entwickelt, es sind unterschiedliche "Sorten" von Orgeln entstanden.


Das System Orgel

Zu allen Zeiten funktionierten Orgeln nach dem gleichen Grundprinzip: es gibt einen Balg mit einem Vorrat an Luft, die unter Druck steht. Mit einem komplizierten System aus Luftkanälen, Ventilen und verschiedenen Gestängen wird die Luft zu der jeweiligen Pfeife geleitet. Die einzelnen Pfeifen funktionieren wie Blockflöten, der Größe nach aufgestellt, jede Pfeife spielt genau einen Ton. Neben diesen "Labialpfeifen" gibt es einige schnarrende Pfeifen, bei denen die Luft ein kleines Plättchen, die "Zunge" bewegt. Der Spieler bestimmt mit der Tastatur, welche Pfeife gerade Luft bekommt, außerdem kann er verschiedene Pfeifensorten auswählen und dadurch die Klangfarbe bestimmen.

Alle diese Bauteile wurden in der Zeit von 1400 bis 1600 entwickelt: um 1600 sind alle Details für eine perfekt funktionierende Orgel erfunden, es werden fantastische Instrumente gebaut.

Nur eine wichtige Erfindung fehlt noch: der Motor. Zum Orgelspielen braucht man neben dem Organisten immer eine oder zwei weitere Personen, die den Balg treten, damit die Orgel Luft zum Spielen hat. Solange es keinen Elektromotor gibt, kann ein Mensch alleine nicht Orgel spielen.


Die Wagner-Orgel in Angermünde von 1744 / Foto: Michael Zagorni

Regionale Orgelbau-Traditionen

Spannend ist, dass sich in dieser Zeit in den verschiedenen europäischen Regionen ganz unterschiedliche Orgeltypen entwickeln. Natürlich gibt es einen Austausch zwischen den einzelnen Regionen, aber: die meisten Menschen machen in ihrem ganzen Leben keine weiten Reisen. So arbeitet ein Handwerker in einer bestimmten Region eben nach Traditionen, die in seiner Gegend entstanden sind. Neuerungen von anderswo nimmt er auf, setzt sie aber auf seine Weise um.

In jeder Gegend besitzen die Orgeln ihren typischen Klangcharakter: so findet man beispielsweise im norddeutschen Raum Gefallen daran, große Orgeln so aufzubauen, dass mehrere Orgelwerke übereinander angeordnet sind, ein weiteres, das Rückpositiv, steht oft im Rücken des Organisten. Eingerahmt wird die Orgel von großen Pedaltürmen, die mit den Füßen gespielt werden. Umgekehrt werden in Italien Orgeln mit nur ganz wenigen Bassregistern gebaut, manchmal haben selbst große Orgeln gar kein Pedal. Die französischen Orgeln besitzen Klangfarben, die man so nur in Frankreich findet. In Spanien werden Orgeln mit sehr vielen Zungenregistern (mit "schnarrenden" Pfeifen) gebaut.

Im brandenburgischen Raum ist Joachim Wagner der wichtigste Orgelbauer dieser Zeit, sein Vorbild sind die Silbermann-Orgeln rund um Leipzig und Dresden.

Wichtigster Komponist

Der wichtigste Komponist von Orgelmusik im deutschsprachigen Raum ist Johann Sebastian Bach: durch ihn hat die Kirchenmusik die Bedeutung bekommen, die sie bis heute hat. Er wirkte im mitteldeutschen Raum, er komponierte die Musik zu den Orgeln Silbermanns.

Prächtige Orgeln sind in dieser Zeit auch ein Ausdruck von bürgerlichem Reichtum: besonders in den reichen Hansestädten in Norddeutschland und den heutigen Niederlanden findet man große Orgeln mit einem reich verzierten Gehäuse. Wenn eine solche Orgel nach heutigen Maßstäben vielleicht eine Million Euro gekostet haben mag, so zahlte man durchaus die gleiche Summe noch einmal für das Zierwerk der Orgel.

Barocke Regstrierpraxis

Der Klang einer einzelnen Orgelpfeife ist recht dumpf. Um hellere, vollere Klänge möglich zu machen, gibt es deshalb im Orgelbau seit früher Zeit das Prinzip, Pfeifen, die auf der normalen Grundtonhöhe klingen, mit höher klingenden Pfeifen zu kombinieren. Dadurch wird der Klang kräftiger und heller. Die höher klingenden Pfeifen klingen meistens in der Oktave oder Quinte, gelegentlich auch auf anderen Intervallen, zum Beispiel der Terz. Dabei mischt man zu einem Grundton immer hohe Töne dazu, die zur Obertonreihe des Grundtons gehören, man verstärkt also die Obertöne der Pfeife, die sowieso schon zu ihrem Klang dazu gehören.

Durch diese Mischung von Pfeifen, die in ganz verschiedener Höhe klingen, entsteht der typische volle rauschende, glänzende Orgelklang. Meistens werden dabei Pfeifen gleicher Bauart gemischt, und es klingt auf jeder Tonhöhe oftmals nur eine einzelne Pfeife. Was der Hörer als einen kräftigen Orgelton wahrnimmt, ist also meistens eine Mischung aus dem Klang vieler einzelner Pfeifen, die zu einem einzigen Ton verschmelzen.


Klassik bringt Dynamik in den Orgelbau

Mit dem Ende der Barockzeit um 1750 ändert sich der Musikgeschmack gewaltig: die Musik wird melodiöser, es gibt eingängige Melodien, die Musik von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart in Wien ist sehr beliebt. In der Musik wird die Dynamik wichtig, also Unterschiede zwischen laut und leise. Im Orgelbau bleibt man beim bewährten technischen Aufbau, so wie er sich in den Jahrhunderten zuvor entwickelt hatte. Klanglich werden die Orgeln charmanter, der Klang wird langsam weicher. Größere Orgeln werden zu allen Zeiten mit mehreren Manualen (Tastenreihen) gebaut, hier ändert sich die Philosophie. Hatte dies früher den Sinn, unterschiedliche Klangfarben nebeneinander zu stellen, so geht es jetzt um verschieden lautes Spiel: die lautesten Register (Klangfarben) werden mit dem ersten Manual gespielt, das oberste Manual ist ein leises Echo-Manual. 

August Buchholz

Der bekannteste Orgelbauer in Brandenburg in der Zeit um 1820 ist August Buchholz, sein Können wird überall sehr geschätzt. Typisch für ihn sind Orgeln, bei denen die vordersten, die sichtbaren Pfeifen (Prospektpfeifen) quasi in halbrunden Türmen angeordnet sind. Leider sind nur wenige seiner - auch optisch sehr schönen - Orgeln erhalten geblieben. Neben Buchholz ist Hermann Lütkemüller ein bedeutender, angesehener Orgelbauer in Brandenburg, sowie Wilhelm Lang, der bei Buchholz gelernt hatte und eine Weile seine Werkstatt leitete.

Buchholz-Orgel in Blindow
Die Orgel in Blindow in der Uckermark nördlich von Prenzlau erbaute August Buchholz 1849. Typisch für ihn
ist die Anordnung der Prospektpfeifen in halbrunden Türmen / Foto: Michael Zagorni

Orgel als Begleitung des Gemeindegesangs

Während es bisher Orgeln nur in bedeutenden Kirchen oder besonders reichen Gemeinden gab, beginnt man ungefähr ab 1850, Orgeln in allen Kirchen aufzustellen. Auch jede Dorfkirche auf dem Land erhält eine Orgel, die am Sonntag vom Dorfschullehrer gespielt wird. Während es früher üblich war, dass die Gemeinde unbegleitet singt, werden die Orgeln nun auch zur Begleitung eingesetzt. Dies soll unter anderem helfen, den Gemeindegesang zu verbessern. Diese Entwicklung beschert den Orgelbauern zahlreiche Aufträge: im relativ dünn besiedelten Brandenburg gibt es einige Orgelbauer, die in ihrem ganzen Leben fast nur kleine Orgeln für Dorfkirchen gebaut haben. In den Dorfkirchen werden oftmals Instrumente mit nur einigen Registern (=Pfeifensorten), einem Manual (=Tastenreihe) und Pedal aufgestellt. Diese Orgelbauer hatten ihr Handwerk bei einem der bedeutenden Orgelbauer gelernt und blieben ihren Prinzipien treu. So entstehen viele schöne, sehr gut gearbeitete, kleine "Dorforgeln", von denen etliche heute noch erhalten sind.

Der Barker-Hebel

Orgeln besitzen traditionell eine mechanische Verbindung von den Tasten zu den Spielventilen: man bemüht sich, diese Mechanik möglichst präzise zu bauen, um dem Spieler eine ganz genaue Gestaltung der einzelnen Töne zu ermöglichen. Das führt dazu, dass sich große Orgeln schwerer spielen lassen. Der Zeitgeschmack entwickelt sich langsam hin zu weicheren, tieferen Klängen: für diese Klangfarben benötigt man mehr tief klingende, also große Pfeifen. Bei großen Orgeln werden die Windladen, auf denen die Pfeifen stehen, also immer größer und die Mechanik schwergängiger. Bei der Suche nach Lösungen erfindet der Engländer Charles Spackman Barker den später nach ihm benannten "Barker-Hebel": hier verläuft die Mechanik von den einzelnen Tasten im Spieltisch bis zu einer luftbetriebenen Zwischenstation im Innern der Orgel, wo ein Zwischenventil dann die mechanische Verbindung bis zum Spielventil antreibt. Orgeln mit dieser Einrichtung spielen sich leichter, die Mechanik ist trotzdem noch relativ präzise.
Der berühmte französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll baut in jungen Jahren 1841 in seine Orgel in der Pariser Kathedrale Saint Denis zum ersten Mal ein Barker-System ein. Die Orgel ist mit 71 Registern und 4 Manualen mehr als doppelt so groß wie die heutige Orgel der Petrus-Kirche. In der folgenden Zeit entwickelt sich Cavaillé-Coll schnell zum bedeutendsten Orgelbauer Frankreichs. Er entwickelt einen neuen, modernen, französisch-romantischen Orgeltyp. Seine Orgeln inspirieren mehrere Generationen von Orgel-Komponisten wie César Franck, Alexandre Guilmant, Marcel Dupré und Louis Vierne.

Als Aristide Cavaillé-Coll im Jahre 1841 die neue Orgel in der Kathedrale Saint Denis in Paris fertigstellt, ist dies eine große Attraktion in der Orgelszene, Cavaillé-Coll wird schnell weltberühmt. Zur gleichen Zeit gibt es in Deutschland keine vergleichbaren Bestrebungen: hier fertigen die Orgelbauer Instrumente im traditionellen Stil an, meistens bauen sie in sehr guter Qualität, so, wie sie es in ihrer Jugend gelernt hatten.

Erste Sauer-Orgel in Lychen


Die Gerswalder Orgel bauten Vater Ernst und Sohn Wilhelm Sauer gemeinsam im Jahre 1852.
Ursprünglich stand die Orgel in Lychen. Foto: Michael Zagorni

Im gleichen Jahr feiert Wilhelm Sauer in Friedland in Mecklenburg seinen 10. Geburtstag. Sein Vater, Ernst Sauer, ist Schmied und erlernte später das Orgelbau-Handwerk. Wilhelm lernt zunächst bei seinem Vater: die Orgel für die Kirche in Lychen aus dem Jahre 1852 ist vielleicht das erste Instrument, das Vater und Sohn gemeinsam bauten. Die Orgel wird später nach Gerswalde umgesetzt und ist erhalten. In der folgenden Zeit zieht Wilhelm an verschiedene Orte im In- und Ausland um die aktuellen Entwicklungen im Orgelbau kennen zu lernen. Besonders interessiert er sich für den berühmten Orgelbauer Cavaillé-Coll in Paris, wo er 1852-53 arbeitet. Gerne wäre er länger im Ausland geblieben, aber sein Vater ruft ihn zurück.

Symphonischer Klang

So kehrt er 1854 nach Friedland in die väterliche Werkstatt zurück: hier entstehen zunächst einige Orgeln in einem recht traditionellen Stil, die Vater und Sohn gemeinsam bauen. 1856 errichten beide eine neue Orgelbau-Werkstatt in Frankfurt/Oder, die der Sohn Wilhelm bald alleine führen wird. Nun beginnt er, "moderne" Orgeln zu bauen, wobei er sich von allen Neuerungen inspirieren lässt, die er bei seinen Reisen in den Jahren zuvor kennengelernt hatte. Nach und nach wandelt sich der Stil hin zu "symphonischen" Orgeln, die sich am Klang der romantischen Orchester-Musik aus dieser Zeit orientieren. Die Orgeln ermöglichen große Unterschiede zwischen lauten und sehr leisen Klängen, sie haben einen grundtönigen Klang, nicht mehr so hell wie frühere Orgelklänge. Bei den neuen Orgeln gibt es viele Register (Pfeifensorten), die auf der Höhe des Grundtons klingen und im Verhältnis weniger höher klingende Register.

Orgel in Kerkow
Mit 9 Registern gehört die Orgel in Kerkow von 1890 zu den größeren "Dorforgeln". Foto: Michael Zagorni

Die pneumatische Traktur

Da die grundtönigen Pfeifen viel größer sind als hoch klingende Pfeifen, wird die Orgelmechanik immer größer und schwerer zu spielen. Inspiriert durch die französischen Barker-Hebel werden in Deutschland pneumatische Trakturen entwickelt: gab es bisher immer eine mechanische Verbindung zwischen den Tasten des Spieltisches und den Ventilen unter den Pfeifen, so wird diese Verbindung nun ersetzt durch feine Bleiröhren: von jeder Taste des Spieltisches führt eine Röhre zum entsprechenden Pfeifenventil. Die Tasten im Spieltisch betätigen kleine Ventile, die die "Steuerluft" zu den Pfeifenventilen strömen lassen, wo nun - praktisch ferngesteuert - die Spielventile betätigt werden. Solche Systeme baut Sauer - wie auch andere "moderne" Orgelbauer seiner Zeit - ab ca. 1890. Mit diesen Systemen lassen sich auch sehr große Orgeln ohne Kraftaufwand spielen. Die pneumatischen Systeme können größere Strecken überwinden, es wird möglich, den Spieltisch ein wenig von der Orgel entfernt aufzustellen. Allerdings hat man nun kein präzises Spielgefühl mehr und die Töne sprechen ein wenig verzögert an: aus diesem Grund bleibt das System umstritten.

Den Orgelbauern kommt die Industrialisierung zugute: in den neuen Orgelbau-Fabriken kann industriell gearbeitet werden, eine Dampfmaschine treibt die einzelnen Maschinen an, nun ist weniger Handarbeit erforderlich. Orgelteile können so schneller in großer Zahl hergestellt werden. Nur so können die neuen pneumatischen Trakturen mit ihren vielen Einzelteilen hergestellt werden.

Sauer-Orgeln in Gedächtniskirche und Berliner Dom

In der Zeit um 1900 entstehen viele imposante romantische Orgeln mit pneumatischer Traktur. Wilhelm Sauer wird weltberühmt, er ist der führende Orgelbauer in Brandenburg, Aufträge hat er aus der ganzen Welt. Max Reger komponiert seine Orgelwerke für seinen Freund Karl Straube, der diese Musik an der Sauer-Orgel der Leipziger Thomaskirche von 1889 aufführt. Im Jahre 1895 baut Sauer die Orgel der Berliner Gedächtniskirche: mit 93 Registern ist sie fast dreimal so groß wie die Orgel der Petruskirche Lichterfelde, sie wird als technisches Wunderwerk beschrieben. Übertroffen wird diese Orgel zehn Jahre später durch die Orgel, die Sauer für den Berliner Dom baut: die original erhaltene Orgel ist damals mit 113 Registern die größte Orgel in Deutschland.

Orgel im Berliner Dom
Die große Sauer-Orgel von 1905 im Berliner Dom / Foto: Christian Eckhardt/Wikipedia Commons

Romantische Registrierpraxis

Ab ca. 1850 entwickelt sich neben der barocken Registrierpraxis ein neues Prinzip der Klangmischung der Orgel: man mischt mehrere Register (=Klangfarben), die alle auf der Grundtonhöhe klingen, also den selben Ton spielen, sich aber in der Klangfarbe und der Lautstärke unterscheiden.  Die verschiedenen Register (=Pfeifensorten) baut man so, dass sie alle verschieden laut klingen und in der Lage sind, klanglich gut zu verschmelzen. Zu den relativ vielen Registern in Grundtonlage werden nur relativ weniger höher klingende Register hinzu gemischt. So klingen die romantischen Orgeln weicher und weniger hell. Nun ist es möglich, mit dem leisesten Register zu beginnen und nach und nach Klangfarben zu addieren, die jeweils immer ein wenig lauter sind. Der Klang der Orgel kann nun also allmählich lauter und leiser werden, fast ohne Brüche.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts gibt es eine Reihe von neuen Erfindungen im Orgelbau: neben der schon beschriebenen pneumatischen Traktur (eine Art Luftdruck-Antrieb für die Orgelmechanik, der es erlaubt, auch sehr große Instrumente ohne Kraftaufwand zu spielen) geht es vor allem darum, große Lautstärke-Unterschiede zu ermöglichen - von sehr leisen bis zu sehr lauten Klängen. Außerdem sucht man nach Möglichkeiten, den Orgelklang langsam lauter oder leiser werden zu lassen: solche Effekte waren inzwischen in der Instrumentalmusik sehr beliebt, während der Klang der klassischen Orgeln statisch ist: solange Luft in eine Pfeife strömt, klingt der Ton in gleicher Lautstärke.

Dynamik im Orgelklang

Um 1850 ist die Orgel wohl das einzige gängige Instrument, dessen Töne keine Lautstärke-Unterschiede ermöglichen. Um solche Effekte doch möglich zu machen, beginnt man, die verschiedenen Register (Klangfarben) der Orgel so auszuwählen, dass sie sich alle ein wenig in der Lautstärke unterscheiden. Gleichzeitig baut man mehr Register, die klanglich gut miteinander verschmelzen. Nun kann man beim Spielen mit den leisesten Pfeifen beginnen: zieht man jetzt die verschiedenen Register in der richtigen Reihenfolge hinzu, so wird der Klang fast stufenlos lauter, bei großen Orgeln mit genügeng verschiedenen Registern gibt es kaum Brüche. Zusätzlich erhalten die Orgeln eine "Crescendo-Walze": ein Rad, das oberhalb der Pedaltasten angeordnet ist und mit dem Fuß bedient werden kann: mit dieser Walze lassen sich die verschiedenen Register nacheinander ein- oder ausschalten, man kann den Orgelklang damit also spontan auch während des Spiels fast stufenlos leiser und lauter werden lassen.

Bei größeren Orgeln mit mehreren Manualen (=Tastenreihen) werden die lautesten Register dem ersten Manual (=der untersten Tastenreihe) zugeordnet. Die weiteren Manuale enthalten jeweils leisere Register. Zusätzlich setzt man die Pfeifen des obersten Manuals in einen besonderen Kasten, der nach allen Seiten geschlossen ist. Nur an der Vorderseite besitzt er bewegliche Holzlamellen, den sogenannten Schweller: diese Lamellen kann der Spieler mit dem Fuß drehen, so dass sie sich öffnen oder schließen, dadurch wird der Klang lauter oder leiser. Das Ergebnis ist, dass die leisen Passagen noch leiser gespielt werden können, indem man den Schweller schließt. Im Verlauf der Musik kann man dann den Schweller allmählich öffnen oder schließen, entsprechend dem dramatischen Verlauf der Musik.

Ein weiterer beliebter Effekt ist die "Schwebung": man stellt jeweils zwei Pfeifen gleicher Bauart nebeneinander und verstimmt sie jeweils ein wenig gegeneinander. Dadurch scheint der Ton zu schwingen, er wirkt lebendiger. Dieser Effekt eignet sich sehr schön für spannende, leise Passagen, die Orgel "säuselt".

Gelegentlich wird ein Harmonium als leises Echowerk in die Orgel integriert.

Auf- und Abschwung im Orgelbau

In der Zeit ab 1870 wachsen die Städte, es werden neue Kirchen gebaut, die mit neuen Orgeln ausgestattet werden. Es wird allgemein üblich, alle Kirchen mit Orgeln auszustatten, auch die Dorfkirchen auf dem Land. Neben Kirchenorgeln werden um 1900 große, bedeutende Orgeln in Konzertsälen aufgestellt. Kleine Orgeln stehen in Schulen und auch in Bürgertumshäusern, auch in manchen kirchlichen Gemeindehäusern. Dies alles führt zu einem Boom im Orgelbau, eine Zeitlang können klassische Orgelbauer neben den neuen Orgel-Fabriken bestehen. Um 1890 sind allerdings fast alle Kirchen mit Orgeln ausgestattet, nun wird die Lage für die letzten Orgelbauer, die noch nach den klassischen Prinzipien bauen, immer schwieriger.

Albert Hollenbach aus Neuruppin ist in Brandenburg der letzte Orgelbauer, der noch in Handarbeit Orgeln mit traditioneller Mechanik baut, während er sich klanglich an der neuen Zeit orientiert. Er baut klanglich interessante Instrumente, die auch heute sehr geschätzt werden. Seine letzte Orgel baut er im Jahr 1903, kurz danach muss er Konkurs anmelden und verstirbt in Armut. Damit geht ein Kapitel brandenburgischer Orgelbau-Geschichte zu Ende. Orgeln entstehen nun nur noch in den modernen, größeren Orgelbau-Betrieben.

Die elektrische Traktur

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es eine wichtige Erfindung im Orgelbau: Walker und Sauer entwickeln um 1915 die elektrische Traktur: elektrischer Strom ist inzwischen an vielen Orten verfügbar. Bei dem neuen System sitzt unter jedem Spielventil der Orgel ein Elektromagnet, der das Ventil antreibt. Die Tasten im Spieltisch sind nun elektrische Schalter: drückt man eine Taste nieder, so öffnet ein Elektromagnet das dazu gehörende Pfeifenventil. Dieses System arbeitet schneller als die pneumatischen Systeme vorher, gleichzeitig können Pfeifen und Spieltisch an beliebigen Orten angeordnet werden. Das System besitzt weitere Vorteile: der Aufbau ist viel einfacher, statt einer Mechanik müssen nur Elektrokabel verlegt werden. Besaßen die pneumatischen Systeme eine große Zahl kleiner Lederbälge, die nach einigen Jahrzehnten brüchig wurden und komplett ausgewechselt werden mussten, so entfällt das bei dem neuen System. Allerdings hat man als Spieler auch bei der neuen elektrischen Traktur keinen direkten Kontakt zu den Pfeifen, es gibt eine gewisse Verzögerung, man spielt ja praktisch auf einer elektrischen Fernsteuerung. Die Orgel in der Petrus-Kirche besitzt eine elektrische Traktur, bei Orgelkonzerten in der Berliner Philharmonie wird oft ein elektrischer Spieltisch auf dem Podium aufgebaut, mit dem die relativ weit entfernte Orgel gespielt wird: so etwas ist nur mit einer elektrischen Traktur möglich.

Die Kino-Orgel

Um 1915 gibt es eine weitere Neuerung: der Stummfilm ist erfunden. Zur Begleitung der Stummfilme werden Klaviere eingesetzt, oder: zu einem besseren Kino gehört eine Kino-Orgel. Diese Orgeln sind nach einem ganz eigenen Prinzip aufgebaut. Neben Pfeifenregistern besitzen sie auch Schlagwerke wie Glockenspiel, Xylophon und Trommeln und Klanghölzer. Diese Orgeln verbreiten sich schnell, werden allerdings mit der Erfindung des Tonfilms einige Jahre später nicht mehr benutzt und verfallen. Nur wenige dieser Orgeln sind erhalten, in Berlin existiert die Orgel im Kino Babylon in Mitte sowie die Kino-Orgel im Instrumentenmuseum.

Orgelpfeifen für den Krieg

Der erste Weltkrieg bringt einen großen Einschnitt in der deutschen Orgellandschaft: gegen Ende des Krieges werden Rohstoffe knapp, darunter auch Blei, das zur Herstellung von Kanonenkugeln benötigt wird. Deshalb müssen gegen Ende des Krieges aus fast allen Orgeln die Prospektpfeifen, also die Pfeifen, die von vorne zu sehen sind, abgeliefert werden. Die restlichen Pfeifen bleiben erhalten. trotzdem verlieren die Orgeln damit ihr klangliches Fundament. Auch, wenn die fehlenden Pfeifen später ersetzt werden, so haben die historischen Orgeln in Deutschland damit für immer einen wesentlichen Teil ihrer Substanz verloren.

Im 20. Jahrhundert ändert sich der Musikgeschmack: während früher klassische Komponisten zu ihren Lebzeiten immer populär waren und ihre Werke aufgeführt wurden, so sind heutzutage die Komponisten neuer klassischer Musik kaum bekannt, während Komponisten früherer Zeiten die Konzertprogramme bestimmen: Bach, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Schubert sind sehr bekannt und werden viel gespielt, es sind Komponisten aus lange zurückliegenden Zeiten. Dieser Effekt bestimmt auch den Orgelbau: in unserem Jahrhundert rückt der Blick auf die alte Musik in den Vordergrund, es wird viel Mühe aufgewendet, um alte Instrumente originalgetreu zu restaurieren oder auch nachzubauen.

Zurück zur Mechanik

Ein wichtiges Datum im Orgelbau ist das Jahr 1921: in der Freiburger Universität baut man eine Orgel neu nach einer alten Beschreibung von Michael Praetorius vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Hier wird ein altes Klangideal deutlich mit Orgelregistern, die schon lange nicht mehr gebaut wurden. Die Orgel wird bei einem großen Orgelbau-Kongress vorgestellt. das bringt die Orgelbauer dazu, sich in ihrem Klangideal wieder alten Prinzipien zuzuwenden die durch die Neuerungen um 1900 in Vergessenheit geraten waren. Diese Neuorientierung fällt den großen Orgelbaubetrieben nicht leicht und dauert etliche Jahrzehnte. Zu dieser Neuorientierung gehört auch, dass man sich eine mechanische Traktur wünscht, also eine durchgehende mechanische Verbindung von der Taste des Spieltischs zur jeweiligen Pfeife. Die elektrische Traktur ist damit schon altmodisch, bevor sie sich überhaupt hätte durchsetzen können, auch, wenn weiterhin vereinzelt Orgeln mit elektrischer Traktur gebaut werden.

Bei der Restaurierung von alten Orgeln setzt Jürgen Ahrend aus Ostfriesland besondere Maßstäbe: im Jahr 1954 beginnt er, die barocken Schnitger-Orgeln in Norddeutschland und den Niederlanden so originalgetreu wie möglich zu restaurieren. Dies tut er also zu einer Zeit, wo allgemein noch der Neubau von Orgeln im Mittelpunkt des Interesses steht. Er wird damit sehr bekannt, seine Firma gehört auch heute zu den besten Orgelrestaurateuren weltweit. Bei unserer letzten Kirchenrundfahrt konnten wir in Trebel eine Orgel erleben, die er restauriert hatte.

Orgel Dreieinigkeitskirche Regensburg
Orgel in der Dreieinigkeitskirche Regensburg, 1758 erbaut von Franz Jakob Späth, 2020 als "Bach-Orgel"
neu gebaut von der Firma Ahrend | Foto: Orgelputzer/Wikimedia Commons

Stilelemente heutigen Orgelbaus

Nachdem man in der Nachkriegszeit eine Weile lang die romantischen Zutaten im Orgelbau aus der Zeit um 1900 total ablehnte und probierte, sich nur den alten Prinzipien aus der Barockzeit  zuzuwenden, so bemüht man sich heute, im Orgelbau alle Strömungen aus den vergangenen Jahrhunderten gelten zu lassen. So werden heute Orgeln gebaut, die alle Stilelemente vergangener Zeiten in sich vereinigen, daneben aber auch Orgeln, die sich am Stil einer bestimmten Epoche und Region orientieren, also quasi einen alten Orgeltyp nachbauen.

Bedeutende, reiche Kirchengemeinden haben seit vielen Jahrhunderten ihre Kirchen mit Orgeln ausgestattet: die Beschreibung der Orgel von Halberstadt aus dem 11. Jahrhundert gilt als die älteste Beschreibung einer Kirchenorgel. Diese Orgel wurde also vor knapp 1.000 Jahren gebaut. Im 14. Jahrhundert werden erste Orgeln in Brandenburg erwähnt, so hat es zum Beispiel im Jahr 1330 in der St. Marien-Kirche in Frankfurt an der Oder eine Orgel gegeben.

Dorfkirchen ohne Orgeln

Zur gleichen Zeit werden in unserer Region die Dorfkirchen von Giesensdorf, Lankwitz, Lichterfelde und Steglitz gebaut: einfache Feldsteinbauten, die noch für lange Zeit ohne Orgel bleiben. Während im 16. und 17. Jahrhundert die prächtigen Barockorgeln entstehen und Johann Sebastian Bach seine Orgelwerke komponiert, versammeln sich in unserer Region Dorfgemeinden, die ihren Gottesdienst ohne Orgelmusik feiern. So, wie das auf dem Land damals üblich ist.

Mit der beginnenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert gewinnen die Dörfer vor den Toren Berlins an Bedeutung, sie bekommen langsam den Charakter von Vorstädten, in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen die ersten Villenkolonien.

Erste Orgel 1817

Vor gut 200 Jahren, im Jahre 1817, wird eine Orgel in der Lichterfelder Dorfkirche am heutigen Hindenburgdamm gebaut. Dies ist der älteste Beleg für eine Orgel in unserem heutigen Kirchenkreis. Einige Jahre später folgt die Steglitzer Dorfkirche am Rathaus Steglitz, im Jahre 1836 erhält dann die Giesensdorfer Dorfkirche ihre erste Orgel. In Lankwitz sind die Verhältnisse anscheinend etwas bescheidener, hier ist der Bau einer Orgel erst für 1880 belegt, als es allgemein üblich wird, alle Kirchen - auch die kleinsten Dorfkirchen - mit Orgeln auszustatten. Alle diese Orgeln sind kleine Instrumente mit nur einem Manual (einer Tastenreihe) und Pedal, so, wie wir sie heute noch in vielen Dorfkirchen im Umland finden. Es kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass es vielleicht in einer Kirche noch eine weitere frühe Orgel gab, für die wir keinen Beleg mehr besitzen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wachsen die Vororte, besonders entlang der Eisenbahnlinien entstehen neue Siedlungen. Für die wachsenden Gemeinden sind die Dorfkirchen bald zu klein. Man stattet die Kirchen mit Emporen aus, um zusätzlichen Platz zu schaffen, so auch in der Giesensdorfer Kirche. Steglitz ist der erste Ort, wo das nicht mehr ausreicht und man sich dazu entschließt, eine neue, repräsentative und zeitgemäße Kirche zu bauen.

Dinse baut in Matthäus, Petrus, Paulus

Der Steglitzer Gemeinde scheint Orgelmusik wichtig zu sein und so stattet man im Jahr 1878 das Gemeindehaus mit einer kleinen Orgel des Potsdamer Orgelbauers Gesell aus. Anschließend wird die alte Dorfkirche abgerissen, um Platz für den Neubau der "Kirche am Fichtenberg" zu schaffen, der heutigen Matthäus-Kirche. Während der Bauphase kann man also im Gemeindehaus Gottesdienste mit Orgelbegleitung feiern.
Die neue Kirche kann im Jahr 1881 eingeweiht werden und erhält eine zeitgemäße Orgel des Berliner Orgelbauers Dinse: mit 25 Registern ist sie damals die größte Orgel in der Region (zum Vergleich: die heutige Orgel der Petrus-Kirche ist mit 35 Registern (=Pfeifensorten/Klangfarben) noch ein gutes Stück größer!)

In dieser Zeit entsteht die Lichterfelder Villensiedlung, teilweise auf dem Gebiet des alten Dorfes Giesensdorf. Inmitten dieser Siedlung wird im Jahr 1898 die Petrus-Kirche erbaut, die ebenfalls eine Orgel der Firma Dinse erhält. Diese Orgel fällt allerdings mit 15 Registern dann doch deutlich bescheidener aus, als die kurz zuvor erbaute Orgel der Matthäus-Kirche.

Nur zwei Jahre später wird eine weitere Lichterfelder Kirche eröffnet: die Paulus-Kirche. Anders als in Steglitz hat man hier die alte, zu kleine Dorfkirche nicht abgerissen, sondern die neue Kirche neben der alten Kirche errichtet. Auch hier beauftragt man wieder Dinse mit dem Orgelneubau, allerdings erhält die Paulus-Kirche ein Instrument mit 36 Registern, mehr als doppelt so groß wie die Orgel der Petrus-Kirche und nun mit Abstand die größte Orgel in der Region.

Die Firma Dinse hat ihre Fabrik in Berlin-Kreuzberg. Die Brüder Oswald und Paul Dinse entwickeln die Firma in diesen Jahren zu einem industrialisierten Orgelbaubetrieb. Sie bauen viele Orgeln in Berlin und im Berliner Umland, es ist die Firma "von hier".

Sauer baut in Dreifaltigkeit und Markus

Im Jahre 1895 wird die alte Berliner Gedächtniskirche vollendet: hier erbaut der weltberühmte Orgelbauer Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder eine Orgel. Sauer war durch Europa gereist und hatte überall die modernen Entwicklungen im Orgelbau kennengelernt, besonders inspiriert hatte ihn der französische Orgelbau. In seinen Instrumenten steckt all diese Erfahrung und Inspiration, mit 93 Registern auf vier Manualen ist die Orgel der Gedächtniskirche ein viel beachtetes, imposantes Meisterwerk, auch Max Reger hat sie einmal gespielt. Übertroffen wird sie einige Jahre später durch die Domorgel, die noch einmal deutlich größer ist.

Diese großartigen Orgeln begeistern wohl auch die Menschen in Steglitz und Lankwitz: in den folgenden Jahren werden 1906 in Lankwitz die Dreifaltigkeitskirche und 1912 in Steglitz die Markus-Kirche erbaut. In beiden Fällen entschließt man sich, für den Bau der Orgel nicht einfach den "Orgelbauer von hier" zu beauftragen. Für beide Kirchen bekommt Wilhelm Sauer den Auftrag, die Orgel zu errichten. Dabei beeindruckt die Orgel der Markus-Kirche durch ihre Größe: mit 43 Registern ist sie nun die größte Orgel in der Region. Im Dom herrschen trotzdem andere Dimensionen: die dortige Orgel ist mit 113 Registern fast dreimal so groß wie die der Markus-Kirche.

Die Angaben zu den Orgeln stammen aus dem Buch "500 Jahre Orgeln in Berliner Kirchen, Berthold Schwarz und Uwe Pape, Pape-Verlag, 1991

Bilder: Archivmaterial der Matthäus- und der Paulus-Kirchengemeinde

Im Jahre 1913 wird die neue Kirche "Zur Wiederkunft Christi" in Südende errichtet, sie erhält eine Orgel von Barnim Grüneberg: von ihm finden wir heute im Umland noch vergleichbare erhaltene Instrumente mit einem typischen warmen romantischen Klang.

Ein Jahr später wird die Johanneskirche in Lichterfelde eingeweiht: dieser markante Rundbau ist architektonisch interessant. Für die damalige Zeit sehr modern ist die Bauform, bei der ein Gemeindesaal unterhalb des Kirchenschiffs angeordnet ist. Die Kirche erhält eine Orgel des Berliner Orgelbauers Dinse. Sie findet Platz in einem Gewölbebogen oberhalb der Kanzel, der Organist sitzt hier also nicht hinten in der Kirche, sondern oberhalb des Pfarrers: eine in unserer Gegend seltene Anordnung.

Ein großes Projekt ist der Bau der Lukaskirche: mit dem Bau dieser imposanten Kirche wird 1914 begonnen: durch die Kriegsereignisse stockt der Bau und kann schließlich erst 1919 fertig gestellt werden. Die Gemeinde wünscht sich für die neue Kirche eine repräsentative Orgel. Auf der Suche nach einem Orgelbauer schaut man nach bekannten Firmen mit klangvollem Namen: angefragt werden neben Sauer aus Frankfurt an der Oder die Firma Furtwängler&Hammer aus Hannover, die wohl das günstigere Angebot abgibt und schließlich den Auftrag zum Bau der Orgel erhält. Mit 37 Registern (=37 Pfeifensorten) ist sie ein wenig größer als die heutige Orgel der Petruskirche.

Die Orgel der Lukaskirche, erbaut von Furtwängler&Hammer 1919: das Orgelwerk verbirgt sich hinter einer "Fassade": einer verzierten Holzwand, in der sich an mehreren Stellen Gitterwerk befindet, um den Klang hindurch zu lassen. Die Pfeifen sind nicht sichtbar. Man hat darauf geachtet, dass die Rosette an der Rückwand der Kirche sichtbar bleibt. Foto © Lukas-Gemeinde

Der erste Weltkrieg hat auch für die Orgellandschaft in Deutschland fatale Folgen: als gegen Kriegsende die Rohstoffe knapp werden, betrifft dies auch Blei, das zur Herstellung von Kanonenkugeln benötigt wird. Orgelpfeifen bestehen im wesentlichen aus Zinn, enthalten aber einen Anteil von Blei, sonst wäre das Material zu weich. So wird angeordnet, dass überall in Deutschland die Kirchen jeweils die Prospektpfeifen ihrer Orgeln abliefern müssen, also die Pfeifen, die von vorne in den Orgeln zu sehen sind. Da diese Pfeifen normalerweise klanglich wichtig sind, verlieren die Orgeln dadurch ihr klangliches Fundament, es bleibt ein schwächlicher Klang ohne Grundlage. Bei älteren Instrumenten geht damit wichtige historische Substanz verloren. Viele damals neue Orgeln trifft es nicht so hart: hier stehen oft stumme Pfeifen vorn im Prospekt, während alle klingenden Pfeifen im Innern der Orgel angeordnet sind. Die kleinen Orgeln in den Dorfkirchen werden durch diesen Eingriff einen wesentlichen Teil ihrer Möglichkeiten verloren haben. Nach dem Krieg ist Geld und Material knapp: es dauert oft lange, bis die fehlenden Pfeifen ersetzt werden, oft baut man minderwertige Pfeifen aus Zink, die klanglich nicht überzeugen können.

Die zwanziger Jahre bringen viele Umbrüche, wir sehen das deutlich in der Architektur: man baut plötzlich Häuser ohne Stuck und Zierwerk, die neuen Bauten überzeugen durch klare Linien und gut durchdachte Proportionen. In der Musik wird die Barockmusik wieder entdeckt: die großen Werke von Johann Sebastian Bach, die lange nicht zu hören waren, werden wieder aufgeführt, man interessiert sich für die alten Kompositionen, während man viele Werke aus der Zeit um 1900 als zu weich, süßlich oder kitschig empfindet. In einem Freiburger Institut wird eine Barockorgel nach Plänen von Praetorius nachgebaut, dieses Ereignis erregt in der Orgelwelt viel Aufsehen. Schlagartig werden bei Orgelneubauten wieder Register nach barockem Vorbild gefertigt: die Orgelbaufirmen tun sich nun aber mit der Feinarbeit nach alten Prinzipien schwer, hier ist inzwischen viel Detailwissen verloren gegangen. So entstehen häufig Orgeln mit einem recht schrillen, groben Klang, die uns heute wenig überzeugen. Es wird viele Jahrzehnte dauern, bis man wieder in der Lage ist, nach barocken Prinzipien zu arbeiten und zu bauen.

Inzwischen verändert sich das Bild unserer Gemeinden: es entstehen neue Siedlungen, das Umfeld wird immer städtischer, das betrifft auch die Giesensdorfer Kirche. Diese Dorfkirche ist für die wachsende Gemeinde schon länger zu klein. Um mehr Platz zu schaffen, hatte man Emporen errichtet: zusätzlich zu einer Orgelempore gibt es links und rechts seitliche Emporen. Die vorhandene Orgel ist klein und altmodisch, ihr Klang ist durch die verlorenen originalen Prospektpfeifen nicht mehr schön. So beauftragt die Gemeinde den Orgelbauer Steinmeyer aus Oettingen mit dem Bau einer neuen, modernen Orgel. Steinmeyer hat in Berlin viele Orgeln errichtet, kam aber in unserer Steglitzer Region nicht zum Zuge. Die neue Orgel ist mit neun Registern mehr als doppelt so groß wie die heutige Orgel in der Dorfkirche.

Gleichzeitig erhält auch die Lankwitzer Dorfkirche eine neue Sauer-Orgel gleicher Größe.

Im Jahr 1930 wird das neue Gemeindehaus in der Parallelstraße eingeweiht. Der große Saal dieses Hauses ist auch als Kinosaal konzipiert, hier werden Filme gezeigt, das waren in diesen Jahren Stummfilme.

Der Saal erhält eine Orgel: vermutlich wird diese auch zur Untermalung der Kinofilme eingesetzt. Die Orgel ist nicht sichtbar: die Orgelpfeifen sind links und rechts neben der Bühne angeordnet und verbergen sich hinter Schnitzwerk. Durch die inzwischen erfundene elektrische Traktur ist eine solche Aufstellung möglich: hier befinden sich in den Tasten des Spieltisches elektrische Kontakte, die Orgel wird also über elektrische Kabel "ferngesteuert". Mit 14 Registern ist die Orgel in etwa so groß wie die heutige Orgel im Saal am Ostpreußendamm, erbaut wird sie von Steinmeyer, der kurz zuvor die neue Orgel der Giesensdorfer Dorfkirche erbaut hatte.

Auch neben der Markuskirche, Matthäuskirche, Pauluskirche, Lukaskirche und Dreifaltigkeitskirche entstehen neue Gemeindehäuser, die alle Orgeln erhalten, wobei die Orgeln in Markus, Matthäus und Paulus deutlich größer ausfallen als die Orgeln für die Gemeindehäuser der Petruskirche und Dreifaltigkeitskirche.

Die Dinse-Orgel der Johanneskirche von 1914 mit einem zeittypischen Aussehen: es ist kein Orgelgehäuse zu erkennen, sondern: die Front besteht aus Reihen vermutlich stummer Orgelpfeifen, das eigentliche Orgelwerk ist dahinter angeordnet. Foto © Johannes-Gemeinde

Von Orgelmusik und Komponisten

Dr. Cordelia Miller, Musikwissenschaftlerin und Kantorin der Paulus-Kirche Lichterfelde, berichtet von Orgelmusik und Komponisten

Das sogenannte Orgelbüchlein von J. S. Bach ist eine Sammlung kurzer Orgelchoräle, die durch das ganze Kirchenjahr führen. Das Besondere an Bachs Choralbearbeitungen ist die tiefe und unmittelbare Beziehung von Wort und Musik, der Albert Schweitzer solche Bedeutung zumaß, dass er das Orgelbüchlein als "Wörterbuch der Tonsprache Bachs" und als "eines der größten Ereignisse in der Musik überhaupt" bezeichnete.

Interessant ist die Entstehungsgeschichte dieser Sammlung: 1708 legte Bach ein neunzigseitiges querformatiges Buch an und trug bereits alle Titel der 164 geplanten Choräle ein. Das heißt er legte im Voraus fest, ob er für die Ausarbeitung der jeweiligen Choräle eine oder zwei Seiten à 6 Zeilen verwenden wollte. Korrekturen waren im Zeitalter von Tinte und Papier und angesichts eines gebundenen Buches kaum möglich! Es war also ein sehr ehrgeiziges Projekt, das Bachs enzyklopädisches Interesse an allen möglichen musikalischen Gattungen unterstreicht – der Orgelchoral im Brennglas sozusagen. Allerdings scheint das kompositorische Großprojekt im Lauf der Zeit in den Hintergrund geraten zu sein, sodass letztlich nur 46 Choralvorspiele in das Orgelbüchlein aufgenommen wurden. Der ausführliche Titel der Sammlung unterstreicht Bachs pädagogischen Ansatz, indem es dort heißt:

Orgel-Büchlein,

Worinne einem anfahenden Organisten
Anleitung gegeben wird, auff allerhand
Arth einen Choral durchzuführen,
an
bey auch sich im Pedal studio zu habilitiren,
indem in solchen darinnen sich befindlichen Choralen

das Pedal gantz obligat tractiret wird
. (d.h. es gibt eine eigenständige Pedalstimme)

Dem höchsten Gott allein zu Ehren,
dem Nechsten, draus sich zu belehren
.

Bach reichte das Orgelbüchlein neben anderen pädagogisch ausgerichteten Klavierwerken 1723 mit seiner Bewerbung für das Kantorat an der Leipziger Thomaskirche ein. Da er den für die Stelle vorausgesetzten Universitätsabschluss nicht vorweisen konnte, schien es ihm geboten, auf diese Weise seine intellektuellen und didaktisch-pädagogischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Wie wir wissen, ist es ihm gelungen. Allerdings war er nur dritte Wahl!

Das Orgelbüchlein, das bis heute zur Organistenausbildung und zum Repertoire eines jeden ambitionierten Organisten gehört, enthält insgesamt 8 Passions- und 6 Osterchoräle, darunter Christ lag in Todesbanden, Christ ist erstanden und Heut' triumphieret Gottes Sohn, die bis heute in den evangelischen Kirchen gesungen werden.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) war nicht nur ein großer Komponist, Dirigent und Pianist, sondern auch ein sehr guter Organist. Als Kind hatte er drei Jahre Unterricht an der Orgel der Marienkirche in Berlin, wobei er vor allem Werke von J.S. Bach kennenlernte. Später suchte er auf seinen ausgedehnten Reisen stets Orgeln auf, um darauf zu improvisieren und sich im Pedalspiel fit zu halten. Wenn Mendelssohn vor Publikum spielte, geschah dies fast nur in privatem Rahmen; öffentliche Orgelkonzerte gab er in Deutschland nur zweimal, darunter eines 1840 in der Leipziger Thomaskirche zugunsten eines Bach-Denkmals.

Sein Ruf als einer der bedeutendsten Konzertorganisten seiner Zeit wurde in England begründet. Insgesamt reiste Mendelssohn in seinem kurzen Leben zehnmal nach England, wo er vor allem als Dirigent wirkte. Beinahe bei jedem Aufenthalt wurde auch sein Orgelspiel erwähnt. Die Begeisterung, die er damit beim englischen Publikum auslöste, erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England noch kaum Orgeln mit großer Pedalklaviatur gab, sodass virtuoses Pedalspiel etwas Neuartiges war. Ganz anders war die Situation in Deutschland, wo es bereits seit dem 17. Jahrhundert in lutherisch geprägten Städten wie Lübeck, Hamburg oder Leipzig große Orgeln mit vollem Pedalumfang gab.

1842 spielte Mendelssohn in der Exeter Hall in London Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 neben freien Fantasien und Variationen über populäre Melodien vor 3.000 Zuhörern, "die mir ein Hurrah zuriefen, und mit den Schnupftüchern wehten, und mit den Füßen stampften, daß der Saal dröhnte." Auch wenn er sich in privater Runde auf der Orgel hören ließ, versammelten sich so viele Leute um ihn, dass er nach Hause berichtete: "Neulich auf der Orgel in Christ Church, Newgate Street, dachte ich ein Paar Augenblicke ich müßte ersticken, so groß war das Gedränge und Gewühl um die Orgelbank her." Neben dem virtuosen Pedalspiel und den Orgelwerken Bachs, die damals in England kaum bekannt waren, war es nach Zeitzeugenberichten Mendelssohns Improvisationsgabe, die die Zuhörer faszinierte.

Mendelssohn hat nicht viel für Orgel komponiert, darunter aber sechs Sonaten, die bis heute zum Kernrepertoire der Konzertorganisten in aller Welt gehören. Es passt zu Mendelssohns Organistenbiographie, dass diese Sonaten zuerst in England erschienen, von wo der Kompositionsauftrag an ihn herangetragen wurde.

Die Orgel bzw. orgelähnliche Instrumente spielten seit der Antike im jüdischen Kultus eine gewisse Rolle, doch nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 n. Chr. wurde Instrumentalmusik zum Zeichen der Trauer in den Synagogen verboten. Nach vereinzelten Versuchen einer Rehabilitation der Orgel hielt sie erst im 19. Jahrhundert zunächst als Begleitinstrument wieder Einzug in die Synagogen, nicht ohne heftige Auseinandersetzungen zwischen traditionellen und reformorientierten Juden, die schließlich zur Aufspaltung in orthodoxe und liberale Gemeinden führten.

Die Symbolfunktion der Orgel in diesen Auseinandersetzungen spiegelt sich in dem Begriff Orgelsynagoge wider, der als Synonym für liberale Synagogen stand. Bis zur Progromnacht am 9. November 1938 gab es in deutschen Synagogen ca. 200 Orgeln, die in der Mehrzahl im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, darunter von vielen namhaften Orgelbaufirmen wie Walcker, Steinmeyer, Sauer oder Cavaillé-Coll in Frankreich.

Die von der Firma Walcker im Jahr 1910 erbaute, wohl bedeutendste aller Synagogenorgeln für die Neue Synagoge in Berlin-Mitte war seinerzeit die drittgrößte der Stadt – nach den Orgeln im Dom und in der Gedächtniskirche. Mit 3.000 Sitzplätzen war die 1866 fertiggestellte Synagoge nicht nur die größte und prachtvollste unter den fünf Orgelsynagogen Berlins, sondern auch die größte der Welt. Durch mutiges Eingreifen eines gesamten Polizeireviers blieb die Synagoge in der Pogromnacht verschont, wurde aber 1943 bei einem britischen Bombenangriff völlig zerstört.

In Ermangelung einer eigenen jüdischen Orgel- und Orgelmusiktradition und entsprechender Ausbildungsmöglichkeiten für jüdische Organisten wurden besonders in den großen Städten trotz mancher religiös motivierter Bedenken oft die Dienstleistungen protestantischer Organisten in Anspruch genommen. Nach und nach wurde die Orgel in der Synagoge ihrer jeweiligen Größe entsprechend auch als Solo- und Konzertinstrument eingesetzt, im größeren Stil allerdings erst nach 1900. Orgelkonzerte in Synagogen unterschieden sich in Bezug auf Ablauf und Programmgestaltung in nichts von denjenigen in Kirchen und Konzertsälen und können damit als ein Beleg für die bewusste Assimilation der Juden in Deutschland und weiten Teilen Europas an ihre christliche Umwelt gewertet werden.

Obwohl die Orgel über die Jahrhunderte stets als Instrument der Kirche angesehen wurde, diente sie auch als Orchesterersatz. Sinfoniekonzerte und Opernaufführungen waren lange Zeit nicht für jeden zugänglich und erschwinglich, und Tonträger gab es erst im 20. Jahrhundert. Und so lernten die Menschen berühmte Sinfonien und Opernarien durch Übertragungen auf die Orgel kennen. Besonders in England und Amerika wurde dies zu einer Tradition, wohingegen im lutherisch geprägten Deutschland Übertragungen weltlicher Musik auf die Orgel verpönt waren. Doch es gab Ausnahmen, besonders seit die Orgel um 1800 im Zuge der Säkularisierung massiv an Bedeutung verlor. Nicht nur mit Orchestermusik, sondern auch mit Schlachtengemälden und Naturdarstellungen versuchten Orgelvirtuosen, sich der neuen Zeit anzupassen und Menschen wieder für die Orgel zu interessieren.

Am erfolgreichsten gelang dies dem als Organist, Komponist, Kapellmeister, Musiktheoretiker, Musikpädagoge und Priester vielseitig tätigen Georg Joseph Vogler (1749-1814). Voglers Orgelkonzerte waren äußerst populär und zogen oft mehr als 1.000 Zuhörer an. In seinen improvisierten deskriptiven Tongemälden stellte er ganze Geschichten musikalisch dar, so z. B. die Belagerung von Jericho, die Auferstehung Jesu oder Spazierfahrt auf dem Rhein mit dazwischenkommendem Donnerwetter. Effekte wie Wind, Donner, Regen oder Schlachtenlärm erzeugte Vogler mithilfe von Clustern und Registercrescendo. In einem Zeitungsbericht aus jener Zeit heißt es: „Um den Sturmwind darzustellen, zog er alle Register, verband die Tastatur mit dem Pedale, und drückte so viele dieser Pedale, wie seine beiden quergelegten Fußsohlen erreichen konnten, lange anhaltend nieder. Mehrere Bälgetreter mussten da zugegen sein und vom Schweiße triefend ihres Amtes walten.“ Wie Vogler das Prasseln des Regens klanglich umsetzte, wird nicht beschrieben, die Nachahmung muss jedoch so täuschend echt gewesen sein, „dass die Herren in der Kirche die Hüte aufsetzten; ein anderes Mal [ließ] er auf der Orgel ein Gewitter so naturwahr hören, dass in den nahegelegenen Häusern die Milch sauer wurde!“ Solche Anekdoten erklären, warum Vogler trotz vieler Kritik an diesen Tongemälden festhielt, obwohl er „recht gut [wusste], dass dieser Hocuspocus nicht zur Musik gehört und nur dann angewendet werden darf, wenn das Publikum die erschlafften Sinne gegen contante Bezahlung durch unnatürliche Mittel gekitzelt haben will.“ Zu Voglers Ehrenrettung muss allerdings gesagt werden, dass er einen großen Teil der Konzerteinnahmen wohltätigen Zwecken zugute kommen ließ.

Das 19. Jahrhundert mit seinen bürgerlichen Normvorstellungen beschränkte die Zahl der von Mädchen und Frauen erlernbaren Musikinstrumente auf einige wenige, die als schicklich angesehen wurden, nämlich das Klavier und Zupfinstrumente. Alles Zuviel an körperlicher Bewegung beim Spielen, das bei den Streichinstrumenten unvermeidlich ist, und alles der weiblichen Schönheit Abträgliche, wie das Verziehen des Gesichts beim Spiel von Blasinstrumenten, widersprach der bürgerlichen Normierung weiblichen Musizierens. Obwohl die Orgel wegen ihrer Nähe zum Klavier ein naheliegendes Instrument war, führte die als anstößig geltende Bewegung der Beine beim Pedalspiel dazu, dass Frauen an der Orgel bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein Exotikum blieben. Hinzu kam, dass das Instrument sowohl aufgrund seiner Größe und Klanggewalt als auch wegen seiner kirchlichen Funktionalität ausgesprochen männlich konnotiert war. Anders als in England oder Frankreich, wo die Orgel eher als Konzertinstrument wahrgenommen wurde, war in Deutschland im 19. Jahrhundert (und im Grunde ist es bis heute so geblieben) ein festes Anstellungsverhältnis in einer Kirche unabdingbare Voraussetzung für das Konzertieren. Da Frauen aber normalerweise nicht als Organistinnen angestellt werden konnten, entfiel für sie diese Möglichkeit.

Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen kam es vor, dass Frauen als Orgelvirtuosinnen öffentlich in Erscheinung traten und zum Erstaunen der Musikkritiker die Orgel mit Kraft und Ausdauer ‚beherrschten‘, wobei sie fast nie eigenständig konzertierten, sondern als Schülerinnen oder Töchter bekannter Organisten auftraten. Ihr Erfolg wurde in der Öffentlichkeit daher in erster Linie als Leistung ihrer Lehrer-Väter wahrgenommen und damit im Sinne bürgerlicher Geschlechternormen legitimiert.

Obwohl Frauen heute in Deutschland ganz selbstverständlich Organistenämter bekleiden, sind doch die großen Dom- und Konzertsaalorganistenstellen ebenso wie die Hochschulprofessuren nach wie vor zu über 90% von Männern besetzt. Verantwortlich für dieses unausgeglichene Geschlechterverhältnis im Bereich der Orgelvirtuosität dürfte der in der katholischen und in der lutherischen Orgeltradition mit männlicher Dominanz einhergehende religiöse Konservativismus sein, scheint hier doch die Wahrnehmung der Orgel als kirchliches Instrument mit einer festen Verankerung in Liturgie und Gottesdienst im öffentlichen Bewusstsein unauslöschbar.

Aus Sicht seiner Zeitgenossen war Georg Friedrich Händel nicht nur ein großer Komponist, sondern auch ein überragender Orgelvirtuose. Händels Orgelspiel soll schon als Kind so eindrucksvoll gewesen sein, dass Herzog Johann Adolph I. von Sachsen-Weißenfels, der ihn zufällig nach einem Gottesdienst spielen hörte, dem widerstrebenden Vater dringend dazu riet, das musikalische Talent seines Sohnes zu fördern. 1702 wurde Händel mit nur siebzehn Jahren Organist an der reformierten Schloss- und Domkirche in Halle.

Obwohl Händel sich auf seinen weiteren Lebensstationen Hamburg, Italien, Hannover und schließlich London vor allem auf die Komposition von Opern und später Oratorien konzentrierte, nahm er doch gern jede Gelegenheit wahr, um Orgel zu spielen. So pflegte er sich nach dem Vespergottesdienst mit seinem Bälgetreter in der St. Paul's Cathedral "einzuschließen, zog sich im Sommer zuweilen bis aufs Hemd aus, und spielte dann bis Abends um acht oder neun Uhr." In allen Berichten über Händels Clavier- und Orgelspiel heißt es, er habe die Zuhörer in Erstaunen versetzt sowohl durch eine "erstaunliche Fertigkeit der Finger" als auch durch "etwas Glänzendes und Funkelndes im Spielen" und eine "Vollstimmigkeit und nachdrückliche Stärke".

Einem breiteren Publikum wurde Händels Orgelspiel durch die Oratorienaufführungen bekannt. In den Pausen der abendfüllenden Werke brillierte er mit seiner neuen Erfindung: Konzerten für Orgel und Orchester. Stets übernahm er selbst den Solopart auf den kleinen, pedallosen Theaterorgeln. Die meisten seiner 21 Orgelkonzerte sind Bearbeitungen seiner Concerti grossi. Diese "Pausenfüller" wurden derart populär, dass sie zumindest zeitweise mehr Menschen in die Aufführungen lockten als die Oratorien. Auch nach einsetzender Erblindung hielt Händel an dieser Tradition fest. Der Musikschriftsteller Charles Burney berichtet:

"Als er schon blind war, spielte er verschiedne von seinen alten Orgelconcerten, die er durch vorgängige Uebung sich ins Gedächtniß muß eingeprägt haben. Zuletzt aber verließ er sich doch lieber auf seine Erfindungskraft, als auf sein Erinnerungsvermögen. Denn er gab dem Orchester blos das Skelet (...) jedes Satzes, und spielte alle Solosätze aus dem Stegreif, indeß die übrigen Instrumente ihm freye Hand ließen, und das Signal eines Trillers erwarteten, um die Stücke des Tutti weiter zu spielen, die sie in den geschriebenen Stimmen vor sich hatten."

Letzte Änderung am: 05.10.2021