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Die Königin der Instrumente

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Geschichte der Orgel

Michael Zagorni, Kantor der Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf, stellt die Geschichte und Tradition des Orgelbaus über die Jahrhunderte vor.


Mit der Orgel als "Instrument des Jahres" fiel die Wahl auf ein ganz außergewöhnliches Instrument. Sie funktioniert wie ein Blasinstrument, die meisten Orgelpfeifen werden angeblasen wie eine Blockflöte. Andere Pfeifen, die "Zungenregister", funktionieren wie eine Klarinette. Alles ist zusammengefügt zu einem gigantischen Werk, große Orgeln haben in ihrem Innern mehrere tausend Pfeifen. Uns beeindruckt das gewaltige Brausen des vollen Orgelwerkes genauso wie der sanfte Klang eines einzelnen Flötenregisters. Bei großen Orgeln gibt es Pfeifen mit einer Länge von über 5 Metern für die tiefsten Basstöne, daneben haben die kleinsten Pfeifen für die höchsten Töne eine klingende Länge von nur ca. einem Zentimeter. Sowohl bei den tiefsten Basstönen, als auch bei den höchsten Obertönen geht die Orgel an die Grenzen unseres Hörvermögens. Die Orgel stellt ein ganzes Orchester dar, das von nur einem einzigen Spieler gespielt wird. So hat sie den Titel "Königin der Instrumente" bekommen.

Jede Orgel eine eigene Klangwelt

Für uns gehört Orgelmusik zu jedem Gottesdienst: die Orgel eröffnet den Gottesdienst, sie drückt verschiedene Stimmungen aus und sie unterstützt uns beim Singen.

Im Prinzip ist jede Orgel ein individuelles Einzelstück, das für den jeweiligen Raum extra entworfen wurde. Wenn ich in Ruhe ein altes Instrument spiele, so habe ich das Gefühl, die Orgel hat mir viel zu erzählen: über Generationen hat sie Andachten begleitet, hat Glück und Trauer gesehen. Die Klangwelten eines solchen Kirchen-Instrumentes zu entdecken, ist für mich eine Form von Musik-Andacht.

Erste Orgeln vor unserer Zeitrechnung

Ursprünglich ist die Orgel kein kirchliches Instrument: Orgeln gab es bereits im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt im heutigen Ägypten, im römischen Reich waren sie weit verbreitet. Es gab kleine Instrumente, mit denen in den Bürgertumshäusern musiziert wurde und große Instrumente, die in den römischen Arenen das Publikum in Stimmung brachten. Wie unsere heutigen Orgeln besaßen diese alten Instrumente sowohl Pfeifen aus Metall als auch welche aus Holz. Alle Pfeifen wurden mit Luft angeblasen. Um einen ausreichenden, gleichbleibenden Luftdruck zu erzeugen, benutzte man Wasser, daher erhielten die Instrumente die Bezeichnung "Wasserorgel", obwohl sie mit Luft gespielt wurden.

Um 800 n. Chr. erste Orgel in Kirchenbesitz

Im byzantinischen Reich spielten Orgeln am kaiserlichen Hof und untermalten die Zeremonien. Um 800 wird davon berichtet, dass der byzantinische Kaiser dem Papst in Rom eine Orgel schenkte. Dies war die erste Orgel, die in einer christlichen Kirche spielte. In der folgenden Zeit wurden Orgeln in Bischofs-Kirchen aufgestellt. Die Orgeln spielten im Gottesdienst im Wechsel mit dem Gesang der Mönche. Über viele Jahrhunderte hinweg besaßen nur besonders bedeutende Kirchen Orgeln. Gesungen wurde ohne Begleitung: unsere heutige Praxis, dass die Orgel den Gemeindegesang begleitet, kam erst sehr spät auf.

Von den Orgeln dieser frühen Zeit gibt es keine Beschreibungen. Die ältesten Orgeln, die noch existieren, stammen aus dem 15. Jahrhundert. Bis dahin hat sich die Orgel weit verbreitet. Dabei haben sich in den verschiedenen Regionen Europas ganz verschiedene Orgelbau-Traditionen entwickelt, es sind unterschiedliche "Sorten" von Orgeln entstanden.


Das System Orgel

Zu allen Zeiten funktionierten Orgeln nach dem gleichen Grundprinzip: es gibt einen Balg mit einem Vorrat an Luft, die unter Druck steht. Mit einem komplizierten System aus Luftkanälen, Ventilen und verschiedenen Gestängen wird die Luft zu der jeweiligen Pfeife geleitet. Die einzelnen Pfeifen funktionieren wie Blockflöten, der Größe nach aufgestellt, jede Pfeife spielt genau einen Ton. Neben diesen "Labialpfeifen" gibt es einige schnarrende Pfeifen, bei denen die Luft ein kleines Plättchen, die "Zunge" bewegt. Der Spieler bestimmt mit der Tastatur, welche Pfeife gerade Luft bekommt, außerdem kann er verschiedene Pfeifensorten auswählen und dadurch die Klangfarbe bestimmen.

Alle diese Bauteile wurden in der Zeit von 1400 bis 1600 entwickelt: um 1600 sind alle Details für eine perfekt funktionierende Orgel erfunden, es werden fantastische Instrumente gebaut.

Nur eine wichtige Erfindung fehlt noch: der Motor. Zum Orgelspielen braucht man neben dem Organisten immer eine oder zwei weitere Personen, die den Balg treten, damit die Orgel Luft zum Spielen hat. Solange es keinen Elektromotor gibt, kann ein Mensch alleine nicht Orgel spielen.

Regionale Orgelbau-Traditionen

Spannend ist, dass sich in dieser Zeit in den verschiedenen europäischen Regionen ganz unterschiedliche Orgeltypen entwickeln. Natürlich gibt es einen Austausch zwischen den einzelnen Regionen, aber: die meisten Menschen machen in ihrem ganzen Leben keine weiten Reisen. So arbeitet ein Handwerker in einer bestimmten Region eben nach Traditionen, die in seiner Gegend entstanden sind. Neuerungen von anderswo nimmt er auf, setzt sie aber auf seine Weise um.

In jeder Gegend besitzen die Orgeln ihren typischen Klangcharakter: so findet man beispielsweise im norddeutschen Raum Gefallen daran, große Orgeln so aufzubauen, dass mehrere Orgelwerke übereinander angeordnet sind, ein weiteres, das Rückpositiv, steht oft im Rücken des Organisten. Eingerahmt wird die Orgel von großen Pedaltürmen, die mit den Füßen gespielt werden. Umgekehrt werden in Italien Orgeln mit nur ganz wenigen Bassregistern gebaut, manchmal haben selbst große Orgeln gar kein Pedal. Die französischen Orgeln besitzen Klangfarben, die man so nur in Frankreich findet. In Spanien werden Orgeln mit sehr vielen Zungenregistern (mit "schnarrenden" Pfeifen) gebaut.

Im brandenburgischen Raum ist Joachim Wagner der wichtigste Orgelbauer dieser Zeit, sein Vorbild sind die Silbermann-Orgeln rund um Leipzig und Dresden.

Wichtigster Komponist

Der wichtigste Komponist von Orgelmusik im deutschsprachigen Raum ist Johann Sebastian Bach: durch ihn hat die Kirchenmusik die Bedeutung bekommen, die sie bis heute hat. Er wirkte im mitteldeutschen Raum, er komponierte die Musik zu den Orgeln Silbermanns.

Prächtige Orgeln sind in dieser Zeit auch ein Ausdruck von bürgerlichem Reichtum: besonders in den reichen Hansestädten in Norddeutschland und den heutigen Niederlanden findet man große Orgeln mit einem reich verzierten Gehäuse. Wenn eine solche Orgel nach heutigen Maßstäben vielleicht eine Million Euro gekostet haben mag, so zahlte man durchaus die gleiche Summe noch einmal für das Zierwerk der Orgel.


Klassik bringt Dynamik in den Orgelbau

Mit dem Ende der Barockzeit um 1750 ändert sich der Musikgeschmack gewaltig: die Musik wird melodiöser, es gibt eingängige Melodien, die Musik von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart in Wien ist sehr beliebt. In der Musik wird die Dynamik wichtig, also Unterschiede zwischen laut und leise. Im Orgelbau bleibt man beim bewährten technischen Aufbau, so wie er sich in den Jahrhunderten zuvor entwickelt hatte. Klanglich werden die Orgeln charmanter, der Klang wird langsam weicher. Größere Orgeln werden zu allen Zeiten mit mehreren Manualen (Tastenreihen) gebaut, hier ändert sich die Philosophie. Hatte dies früher den Sinn, unterschiedliche Klangfarben nebeneinander zu stellen, so geht es jetzt um verschieden lautes Spiel: die lautesten Register (Klangfarben) werden mit dem ersten Manual gespielt, das oberste Manual ist ein leises Echo-Manual. 

Der bekannteste Orgelbauer in Brandenburg in der Zeit um 1820 ist August Buchholz, sein Können wird überall sehr geschätzt. Typisch für ihn sind Orgeln, bei denen die vordersten, die sichtbaren Pfeifen (Prospektpfeifen) quasi in halbrunden Türmen angeordnet sind. Leider sind nur wenige seiner - auch optisch sehr schönen - Orgeln erhalten geblieben. Neben Buchholz ist Hermann Lütkemüller ein bedeutender, angesehener Orgelbauer in Brandenburg, sowie Wilhelm Lang, der bei Buchholz gelernt hatte und eine Weile seine Werkstatt leitete.

Orgel als Begleitung des Gemeindegesangs

Während es bisher Orgeln nur in bedeutenden Kirchen oder besonders reichen Gemeinden gab, beginnt man ungefähr ab 1850, Orgeln in allen Kirchen aufzustellen. Auch jede Dorfkirche auf dem Land erhält eine Orgel, die am Sonntag vom Dorfschullehrer gespielt wird. Während es früher üblich war, dass die Gemeinde unbegleitet singt, werden die Orgeln nun auch zur Begleitung eingesetzt. Dies soll unter anderem helfen, den Gemeindegesang zu verbessern. Diese Entwicklung beschert den Orgelbauern zahlreiche Aufträge: im relativ dünn besiedelten Brandenburg gibt es einige Orgelbauer, die in ihrem ganzen Leben fast nur kleine Orgeln für Dorfkirchen gebaut haben. In den Dorfkirchen werden oftmals Instrumente mit nur einigen Registern (=Pfeifensorten), einem Manual (=Tastenreihe) und Pedal aufgestellt. Diese Orgelbauer hatten ihr Handwerk bei einem der bedeutenden Orgelbauer gelernt und blieben ihren Prinzipien treu. So entstehen viele schöne, sehr gut gearbeitete, kleine "Dorforgeln", von denen etliche heute noch erhalten sind.

Der Barker-Hebel

Orgeln besitzen traditionell eine mechanische Verbindung von den Tasten zu den Spielventilen: man bemüht sich, diese Mechanik möglichst präzise zu bauen, um dem Spieler eine ganz genaue Gestaltung der einzelnen Töne zu ermöglichen. Das führt dazu, dass sich große Orgeln schwerer spielen lassen. Der Zeitgeschmack entwickelt sich langsam hin zu weicheren, tieferen Klängen: für diese Klangfarben benötigt man mehr tief klingende, also große Pfeifen. Bei großen Orgeln werden die Windladen, auf denen die Pfeifen stehen, also immer größer und die Mechanik schwergängiger. Bei der Suche nach Lösungen erfindet der Engländer Charles Spackman Barker den später nach ihm benannten "Barker-Hebel": hier verläuft die Mechanik von den einzelnen Tasten im Spieltisch bis zu einer luftbetriebenen Zwischenstation im Innern der Orgel, wo ein Zwischenventil dann die mechanische Verbindung bis zum Spielventil antreibt. Orgeln mit dieser Einrichtung spielen sich leichter, die Mechanik ist trotzdem noch relativ präzise.
Der berühmte französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll baut in jungen Jahren 1841 in seine Orgel in der Pariser Kathedrale Saint Denis zum ersten Mal ein Barker-System ein. Die Orgel ist mit 71 Registern und 4 Manualen mehr als doppelt so groß wie die heutige Orgel der Petrus-Kirche. In der folgenden Zeit entwickelt sich Cavaillé-Coll schnell zum bedeutendsten Orgelbauer Frankreichs. Er entwickelt einen neuen, modernen, französisch-romantischen Orgeltyp. Seine Orgeln inspirieren mehrere Generationen von Orgel-Komponisten wie César Franck, Alexandre Guilmant, Marcel Dupré und Louis Vierne.

Die elektrische Traktur

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es eine wichtige Erfindung im Orgelbau: Walker und Sauer entwickeln um 1915 die elektrische Traktur: elektrischer Strom ist inzwischen an vielen Orten verfügbar. Bei dem neuen System sitzt unter jedem Spielventil der Orgel ein Elektromagnet, der das Ventil antreibt. Die Tasten im Spieltisch sind nun elektrische Schalter: drückt man eine Taste nieder, so öffnet ein Elektromagnet das dazu gehörende Pfeifenventil. Dieses System arbeitet schneller als die pneumatischen Systeme vorher, gleichzeitig können Pfeifen und Spieltisch an beliebigen Orten angeordnet werden. Das System besitzt weitere Vorteile: der Aufbau ist viel einfacher, statt einer Mechanik müssen nur Elektrokabel verlegt werden. Besaßen die pneumatischen Systeme eine große Zahl kleiner Lederbälge, die nach einigen Jahrzehnten brüchig wurden und komplett ausgewechselt werden mussten, so entfällt das bei dem neuen System. Allerdings hat man als Spieler auch bei der neuen elektrischen Traktur keinen direkten Kontakt zu den Pfeifen, es gibt eine gewisse Verzögerung, man spielt ja praktisch auf einer elektrischen Fernsteuerung. Die Orgel in der Petrus-Kirche besitzt eine elektrische Traktur, bei Orgelkonzerten in der Berliner Philharmonie wird oft ein elektrischer Spieltisch auf dem Podium aufgebaut, mit dem die relativ weit entfernte Orgel gespielt wird: so etwas ist nur mit einer elektrischen Traktur möglich.

Die Kino-Orgel

Um 1915 gibt es eine weitere Neuerung: der Stummfilm ist erfunden. Zur Begleitung der Stummfilme werden Klaviere eingesetzt, oder: zu einem besseren Kino gehört eine Kino-Orgel. Diese Orgeln sind nach einem ganz eigenen Prinzip aufgebaut. Neben Pfeifenregistern besitzen sie auch Schlagwerke wie Glockenspiel, Xylophon und Trommeln und Klanghölzer. Diese Orgeln verbreiten sich schnell, werden allerdings mit der Erfindung des Tonfilms einige Jahre später nicht mehr benutzt und verfallen. Nur wenige dieser Orgeln sind erhalten, in Berlin existiert die Orgel im Kino Babylon in Mitte sowie die Kino-Orgel im Instrumentenmuseum.

Orgelpfeifen für den Krieg

Der erste Weltkrieg bringt einen großen Einschnitt in der deutschen Orgellandschaft: gegen Ende des Krieges werden Rohstoffe knapp, darunter auch Blei, das zur Herstellung von Kanonenkugeln benötigt wird. Deshalb müssen gegen Ende des Krieges aus fast allen Orgeln die Prospektpfeifen, also die Pfeifen, die von vorne zu sehen sind, abgeliefert werden. Die restlichen Pfeifen bleiben erhalten. trotzdem verlieren die Orgeln damit ihr klangliches Fundament. Auch, wenn die fehlenden Pfeifen später ersetzt werden, so haben die historischen Orgeln in Deutschland damit für immer einen wesentlichen Teil ihrer Substanz verloren.

Im 20. Jahrhundert ändert sich der Musikgeschmack: während früher klassische Komponisten zu ihren Lebzeiten immer populär waren und ihre Werke aufgeführt wurden, so sind heutzutage die Komponisten neuer klassischer Musik kaum bekannt, während Komponisten früherer Zeiten die Konzertprogramme bestimmen: Bach, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Schubert sind sehr bekannt und werden viel gespielt, es sind Komponisten aus lange zurückliegenden Zeiten. Dieser Effekt bestimmt auch den Orgelbau: in unserem Jahrhundert rückt der Blick auf die alte Musik in den Vordergrund, es wird viel Mühe aufgewendet, um alte Instrumente originalgetreu zu restaurieren oder auch nachzubauen.

Zurück zur Mechanik

Ein wichtiges Datum im Orgelbau ist das Jahr 1921: in der Freiburger Universität baut man eine Orgel neu nach einer alten Beschreibung von Michael Praetorius vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Hier wird ein altes Klangideal deutlich mit Orgelregistern, die schon lange nicht mehr gebaut wurden. Die Orgel wird bei einem großen Orgelbau-Kongress vorgestellt. das bringt die Orgelbauer dazu, sich in ihrem Klangideal wieder alten Prinzipien zuzuwenden die durch die Neuerungen um 1900 in Vergessenheit geraten waren. Diese Neuorientierung fällt den großen Orgelbaubetrieben nicht leicht und dauert etliche Jahrzehnte. Zu dieser Neuorientierung gehört auch, dass man sich eine mechanische Traktur wünscht, also eine durchgehende mechanische Verbindung von der Taste des Spieltischs zur jeweiligen Pfeife. Die elektrische Traktur ist damit schon altmodisch, bevor sie sich überhaupt hätte durchsetzen können, auch, wenn weiterhin vereinzelt Orgeln mit elektrischer Traktur gebaut werden.

Bei der Restaurierung von alten Orgeln setzt Jürgen Ahrend aus Ostfriesland besondere Maßstäbe: im Jahr 1954 beginnt er, die barocken Schnitger-Orgeln in Norddeutschland und den Niederlanden so originalgetreu wie möglich zu restaurieren. Dies tut er also zu einer Zeit, wo allgemein noch der Neubau von Orgeln im Mittelpunkt des Interesses steht. Er wird damit sehr bekannt, seine Firma gehört auch heute zu den besten Orgelrestaurateuren weltweit. Bei unserer letzten Kirchenrundfahrt konnten wir in Trebel eine Orgel erleben, die er restauriert hatte.

Stilelemente heutigen Orgelbaus

Nachdem man in der Nachkriegszeit eine Weile lang die romantischen Zutaten im Orgelbau aus der Zeit um 1900 total ablehnte und probierte, sich nur den alten Prinzipien aus der Barockzeit  zuzuwenden, so bemüht man sich heute, im Orgelbau alle Strömungen aus den vergangenen Jahrhunderten gelten zu lassen. So werden heute Orgeln gebaut, die alle Stilelemente vergangener Zeiten in sich vereinigen, daneben aber auch Orgeln, die sich am Stil einer bestimmten Epoche und Region orientieren, also quasi einen alten Orgeltyp nachbauen.

Von Orgelmusik und Komponisten

Dr. Cordelia Miller, Musikwisschenschaftlerin und Kantorin der Paulus-Kirche Lichterfelde, berichtet von Orgelmusik und Komponisten

Das sogenannte Orgelbüchlein von J. S. Bach ist eine Sammlung kurzer Orgelchoräle, die durch das ganze Kirchenjahr führen. Das Besondere an Bachs Choralbearbeitungen ist die tiefe und unmittelbare Beziehung von Wort und Musik, der Albert Schweitzer solche Bedeutung zumaß, dass er das Orgelbüchlein als "Wörterbuch der Tonsprache Bachs" und als "eines der größten Ereignisse in der Musik überhaupt" bezeichnete.

Interessant ist die Entstehungsgeschichte dieser Sammlung: 1708 legte Bach ein neunzigseitiges querformatiges Buch an und trug bereits alle Titel der 164 geplanten Choräle ein. Das heißt er legte im Voraus fest, ob er für die Ausarbeitung der jeweiligen Choräle eine oder zwei Seiten à 6 Zeilen verwenden wollte. Korrekturen waren im Zeitalter von Tinte und Papier und angesichts eines gebundenen Buches kaum möglich! Es war also ein sehr ehrgeiziges Projekt, das Bachs enzyklopädisches Interesse an allen möglichen musikalischen Gattungen unterstreicht – der Orgelchoral im Brennglas sozusagen. Allerdings scheint das kompositorische Großprojekt im Lauf der Zeit in den Hintergrund geraten zu sein, sodass letztlich nur 46 Choralvorspiele in das Orgelbüchlein aufgenommen wurden. Der ausführliche Titel der Sammlung unterstreicht Bachs pädagogischen Ansatz, indem es dort heißt:

Orgel-Büchlein,

Worinne einem anfahenden Organisten
Anleitung gegeben wird, auff allerhand
Arth einen Choral durchzuführen,
an
bey auch sich im Pedal studio zu habilitiren,
indem in solchen darinnen sich befindlichen Choralen

das Pedal gantz obligat tractiret wird
. (d.h. es gibt eine eigenständige Pedalstimme)

Dem höchsten Gott allein zu Ehren,
dem Nechsten, draus sich zu belehren
.

Bach reichte das Orgelbüchlein neben anderen pädagogisch ausgerichteten Klavierwerken 1723 mit seiner Bewerbung für das Kantorat an der Leipziger Thomaskirche ein. Da er den für die Stelle vorausgesetzten Universitätsabschluss nicht vorweisen konnte, schien es ihm geboten, auf diese Weise seine intellektuellen und didaktisch-pädagogischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Wie wir wissen, ist es ihm gelungen. Allerdings war er nur dritte Wahl!

Das Orgelbüchlein, das bis heute zur Organistenausbildung und zum Repertoire eines jeden ambitionierten Organisten gehört, enthält insgesamt 8 Passions- und 6 Osterchoräle, darunter Christ lag in Todesbanden, Christ ist erstanden und Heut' triumphieret Gottes Sohn, die bis heute in den evangelischen Kirchen gesungen werden.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) war nicht nur ein großer Komponist, Dirigent und Pianist, sondern auch ein sehr guter Organist. Als Kind hatte er drei Jahre Unterricht an der Orgel der Marienkirche in Berlin, wobei er vor allem Werke von J.S. Bach kennenlernte. Später suchte er auf seinen ausgedehnten Reisen stets Orgeln auf, um darauf zu improvisieren und sich im Pedalspiel fit zu halten. Wenn Mendelssohn vor Publikum spielte, geschah dies fast nur in privatem Rahmen; öffentliche Orgelkonzerte gab er in Deutschland nur zweimal, darunter eines 1840 in der Leipziger Thomaskirche zugunsten eines Bach-Denkmals.

Sein Ruf als einer der bedeutendsten Konzertorganisten seiner Zeit wurde in England begründet. Insgesamt reiste Mendelssohn in seinem kurzen Leben zehnmal nach England, wo er vor allem als Dirigent wirkte. Beinahe bei jedem Aufenthalt wurde auch sein Orgelspiel erwähnt. Die Begeisterung, die er damit beim englischen Publikum auslöste, erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England noch kaum Orgeln mit großer Pedalklaviatur gab, sodass virtuoses Pedalspiel etwas Neuartiges war. Ganz anders war die Situation in Deutschland, wo es bereits seit dem 17. Jahrhundert in lutherisch geprägten Städten wie Lübeck, Hamburg oder Leipzig große Orgeln mit vollem Pedalumfang gab.

1842 spielte Mendelssohn in der Exeter Hall in London Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 neben freien Fantasien und Variationen über populäre Melodien vor 3.000 Zuhörern, "die mir ein Hurrah zuriefen, und mit den Schnupftüchern wehten, und mit den Füßen stampften, daß der Saal dröhnte." Auch wenn er sich in privater Runde auf der Orgel hören ließ, versammelten sich so viele Leute um ihn, dass er nach Hause berichtete: "Neulich auf der Orgel in Christ Church, Newgate Street, dachte ich ein Paar Augenblicke ich müßte ersticken, so groß war das Gedränge und Gewühl um die Orgelbank her." Neben dem virtuosen Pedalspiel und den Orgelwerken Bachs, die damals in England kaum bekannt waren, war es nach Zeitzeugenberichten Mendelssohns Improvisationsgabe, die die Zuhörer faszinierte.

Mendelssohn hat nicht viel für Orgel komponiert, darunter aber sechs Sonaten, die bis heute zum Kernrepertoire der Konzertorganisten in aller Welt gehören. Es passt zu Mendelssohns Organistenbiographie, dass diese Sonaten zuerst in England erschienen, von wo der Kompositionsauftrag an ihn herangetragen wurde.

Die Orgel bzw. orgelähnliche Instrumente spielten seit der Antike im jüdischen Kultus eine gewisse Rolle, doch nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 n. Chr. wurde Instrumentalmusik zum Zeichen der Trauer in den Synagogen verboten. Nach vereinzelten Versuchen einer Rehabilitation der Orgel hielt sie erst im 19. Jahrhundert zunächst als Begleitinstrument wieder Einzug in die Synagogen, nicht ohne heftige Auseinandersetzungen zwischen traditionellen und reformorientierten Juden, die schließlich zur Aufspaltung in orthodoxe und liberale Gemeinden führten.

Die Symbolfunktion der Orgel in diesen Auseinandersetzungen spiegelt sich in dem Begriff Orgelsynagoge wider, der als Synonym für liberale Synagogen stand. Bis zur Progromnacht am 9. November 1938 gab es in deutschen Synagogen ca. 200 Orgeln, die in der Mehrzahl im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, darunter von vielen namhaften Orgelbaufirmen wie Walcker, Steinmeyer, Sauer oder Cavaillé-Coll in Frankreich.

Die von der Firma Walcker im Jahr 1910 erbaute, wohl bedeutendste aller Synagogenorgeln für die Neue Synagoge in Berlin-Mitte war seinerzeit die drittgrößte der Stadt – nach den Orgeln im Dom und in der Gedächtniskirche. Mit 3.000 Sitzplätzen war die 1866 fertiggestellte Synagoge nicht nur die größte und prachtvollste unter den fünf Orgelsynagogen Berlins, sondern auch die größte der Welt. Durch mutiges Eingreifen eines gesamten Polizeireviers blieb die Synagoge in der Pogromnacht verschont, wurde aber 1943 bei einem britischen Bombenangriff völlig zerstört.

In Ermangelung einer eigenen jüdischen Orgel- und Orgelmusiktradition und entsprechender Ausbildungsmöglichkeiten für jüdische Organisten wurden besonders in den großen Städten trotz mancher religiös motivierter Bedenken oft die Dienstleistungen protestantischer Organisten in Anspruch genommen. Nach und nach wurde die Orgel in der Synagoge ihrer jeweiligen Größe entsprechend auch als Solo- und Konzertinstrument eingesetzt, im größeren Stil allerdings erst nach 1900. Orgelkonzerte in Synagogen unterschieden sich in Bezug auf Ablauf und Programmgestaltung in nichts von denjenigen in Kirchen und Konzertsälen und können damit als ein Beleg für die bewusste Assimilation der Juden in Deutschland und weiten Teilen Europas an ihre christliche Umwelt gewertet werden.

Obwohl die Orgel über die Jahrhunderte stets als Instrument der Kirche angesehen wurde, diente sie auch als Orchesterersatz. Sinfoniekonzerte und Opernaufführungen waren lange Zeit nicht für jeden zugänglich und erschwinglich, und Tonträger gab es erst im 20. Jahrhundert. Und so lernten die Menschen berühmte Sinfonien und Opernarien durch Übertragungen auf die Orgel kennen. Besonders in England und Amerika wurde dies zu einer Tradition, wohingegen im lutherisch geprägten Deutschland Übertragungen weltlicher Musik auf die Orgel verpönt waren. Doch es gab Ausnahmen, besonders seit die Orgel um 1800 im Zuge der Säkularisierung massiv an Bedeutung verlor. Nicht nur mit Orchestermusik, sondern auch mit Schlachtengemälden und Naturdarstellungen versuchten Orgelvirtuosen, sich der neuen Zeit anzupassen und Menschen wieder für die Orgel zu interessieren.

Am erfolgreichsten gelang dies dem als Organist, Komponist, Kapellmeister, Musiktheoretiker, Musikpädagoge und Priester vielseitig tätigen Georg Joseph Vogler (1749-1814). Voglers Orgelkonzerte waren äußerst populär und zogen oft mehr als 1.000 Zuhörer an. In seinen improvisierten deskriptiven Tongemälden stellte er ganze Geschichten musikalisch dar, so z. B. die Belagerung von Jericho, die Auferstehung Jesu oder Spazierfahrt auf dem Rhein mit dazwischenkommendem Donnerwetter. Effekte wie Wind, Donner, Regen oder Schlachtenlärm erzeugte Vogler mithilfe von Clustern und Registercrescendo. In einem Zeitungsbericht aus jener Zeit heißt es: „Um den Sturmwind darzustellen, zog er alle Register, verband die Tastatur mit dem Pedale, und drückte so viele dieser Pedale, wie seine beiden quergelegten Fußsohlen erreichen konnten, lange anhaltend nieder. Mehrere Bälgetreter mussten da zugegen sein und vom Schweiße triefend ihres Amtes walten.“ Wie Vogler das Prasseln des Regens klanglich umsetzte, wird nicht beschrieben, die Nachahmung muss jedoch so täuschend echt gewesen sein, „dass die Herren in der Kirche die Hüte aufsetzten; ein anderes Mal [ließ] er auf der Orgel ein Gewitter so naturwahr hören, dass in den nahegelegenen Häusern die Milch sauer wurde!“ Solche Anekdoten erklären, warum Vogler trotz vieler Kritik an diesen Tongemälden festhielt, obwohl er „recht gut [wusste], dass dieser Hocuspocus nicht zur Musik gehört und nur dann angewendet werden darf, wenn das Publikum die erschlafften Sinne gegen contante Bezahlung durch unnatürliche Mittel gekitzelt haben will.“ Zu Voglers Ehrenrettung muss allerdings gesagt werden, dass er einen großen Teil der Konzerteinnahmen wohltätigen Zwecken zugute kommen ließ.

Letzte Änderung am: 16.07.2021