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Stolpersteinverlegungen im Juni

 

Drei Stolpersteine in Steglitz und Lankwitz am 16. Juni

Am Mittwoch, den 16. Juni 2021 wird um 12.15 Uhr ein Stein für Neddy Dzcubas in der Spinozastraße 1, 12263 Berlin verlegt.
Am selben Tag gibt es eine nicht-öffentliche Verlegung für das Ehepaar Dr. Richard und Alice Hohenemser in der Havensteinstraße 26, 12249 Berlin.
Sie ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Netzwerk Erinnerungskultur und dem Beethoven-Gymnasium Lankwitz. Aufgrund der zu erwartenden Teilnehmendenzahl wird gebeten, von einem Besuch dieser Verlegung abzusehen.

Neddy Dzcubas wurde am 31. Juli 1892 in Berlin geboren. Seine Eltern wohnten in der Nordbahnstraße 13 in Reinickendorf Ost. Er hatte sechs jüngere Geschwister.

Neddy Dzcubas war Kürschner. 1920 gründete er zusammen mit seinem Partner eine OHG zum Handel und Verarbeitung von Pelzen en gros.  Ab 1931 ist die Firma nicht mehr im Branchenbuch zu finden.

1925 heirateten Neddy Dzcubas und Margarethe Deutschbein, die Protestantin war. 1928 kam der Sohn Werner zur Welt. Er blieb das einzige Kind der Familie. Ab 1929 wohnte die Familie Dzcubas in der Schlageterstraße 1 in Steglitz, seit 1947 in Spinozastraße umbenannt.

1933 versuchte Neddy der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, indem er mit seiner Familie nach Holland emigrierte. Doch er wie auch die Familien seiner Schwester Else und seines Bruders Erwin wurden in Auschwitz ermordet.

Am 1. Oktober 1943 wurde Neddy in Amsterdam verhaftet und schließlich über das Konzentrationslager Kamp Westerborg am 15. November 1943 nach Auschwitz deportiert und am 31.01.1944 ermordet.

Ehefrau und Sohn sowie die Schwestern Martha und Hedwig, der Bruder Wilhelm und mehrere Nichten und Neffen von Neddy Dzcubas überlebten den Holocaust.

Recherche: Eckhard Rieke

Flyer mit weiteren Informationen zu Neddy Dzcubas öffnen


Dr. Richard Hohenemser
wurde am 10. August 1870 in Frankfurt am Main als Sohn des jüdischen Bankiers Heinrich Bernhard Hohenemser und dessen Frau Mathilde Sophie geb. Löwengard geboren und wuchs zusammen mit seinen fünf Geschwistern in einem liberalen jüdischen Umfeld auf.

Seine von Geburt an bestehende Blindheit, die auch zwei seiner Schwestern traf, war sicherlich prägend für sein Leben.

Nach einer Ausbildung in einem namhaften Blindeninstitut in Wien und dem Abitur am Kgl. Kaiser Friedrich Gymnasium in Frankfurt (heute Heinrich von Gagern Gymnasium) studierte er ab 1892 in Berlin und München Musikwissenschaft/Musikgeschichte und Philosophie und promovierte 1899.

Bereits früh war er als Musikwissenschaftler publizistisch tätig, verfasste allerdings auch in den nächsten Jahrzehnten zahlreiche Werke, Biographien und Schriften über philosophische, pschychologische und das Blindenwesen betreffende Artikel.

Am 7. Januar 1905 heiratete er Alice geb. Salt und lebte zunächst bis 1919 in Berlin.

Alice Hohenemser war am 19. Mai 1879 als Tochter des englischen baptistischen Predigers Rev. Henry Richard Salt und dessen Frau Rebecca Alice Salt geb. Chambers geboren worden. Zusammen mit ihren drei Brüdern wuchs sie in Winchcomb/Gloucestershire auf. Über ihre Jugend und Ausbildung wissen wir leider nur sehr wenig. Bereits früh schrieb sie Kurzgeschichten und war als Übersetzerin tätig. Auch als Pianistin schien sie ausgebildet worden zu sein. Ganz sicher war sie für ihren Ehemann bei seiner Arbeit als Schriftsteller und Wissenschaftler eine wichtige Stütze und war für seine Schreibarbeiten zuständig.

Am 3. Januar 1906 wurde ihr Sohn Kurt geboren und nach dem Glauben seiner Mutter protestantisch getauft. Er schlug nach seinem Maschinenbaustudium in Darmstadt eine Dozentenlaufbahn an der Universität Göttingen im Fachbereich Angewandte Mechanik ein, wurde allerdings aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bereits am 7. April 1933 entlassen. Seit 1935 lebte er mit seiner Frau und den 1937 und 1940 geborenen Kindern in Berlin-Johannisthal, wo er als persönlicher Vertrauter und Mitarbeiter Anton Flettners in dessen Flugzeugwerken maßgeblich an der Hubschrauberentwicklung des legendären FI 282 beteiligt war. Diese Tatsache sowie Flettners persönliche Kontakte zu Heinrich Himmler schützten ihn sicherlich auch vor weiteren Maßnahmen der Verfolgung.

Seine Versuche, zusammen mit seiner Familie und seinen Eltern nach England zu emigrieren, blieben erfolglos.

 

Nachdem Richard und Alice Hohenemser im Jahr 1931 von Frankfurt nach Berlin zurückkehrten, bezogen sie die Wohnung in der von dem namhaften Architekten Otto Rudolf Salvisberg neu gebauten Wohnanlage in der Havensteinstraße 26.

Noch bis zuletzt versuchte Alice ihrem Mann, der aufgrund der schwieriger werdenden Situation auf einen dahin zur Verfügung gestandenen Vorleser verzichten musste, das Leben zu erleichtern. Mit Klavierstunden finanzierte sie schließlich den Unterhalt des Ehepaares. Aufgrund ausbleibender Publikationsmöglichkeiten für Dr. Richard Hohenemser und der zunehmenden repressiven Maßnahmen wurde die Lebenssituation des Ehepaars immer schwieriger.

Als dem Ehepaar im Frühjahr 1942 die Kündigung bzw. Beschlagnahmung ihrer Wohnung drohte, da diese von einem SS-Angehörigen beansprucht wurde, sahen sie keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod.

Nachdem ihr Sohn Kurt vergeblich versucht hatte, seine Eltern telefonisch zu erreichen, wollten die in der Nähe wohnende Nichte Elisabeth Schumacher und ihr Mann Kurt sowie deren Freund Philipp Schaeffer nach dem Ehepaar schauen. Beim Versuch, die Wohnung, zu der sie wegen der Weigerung des Hauswarts keinen Zutritt bekamen, über den Balkon zu erreichen, stürzte Philipp Schaeffer ab und verletzte sich schwer.

Richard und Alice Hohenemser hatten sich an diesem Tag, dem 8. April 1942, bereits mit Gas das Leben genommen.


Das Künstlerehepaar Elisabeth und Kurt Schumacher gehörte ebenso wie Philipp Schaeffer der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ an. Sie wurden noch im Herbst 1942 verhaftet und im Dezember 1942 bzw. Philipp Schaeffer im Mai 1943 in Plötzensee hingerichtet

Kurt Hohenemser blieb bis 1947 in Deutschland und emigrierte dann mit seiner Familie in die USA, wo er seine wissenschaftliche Forschungsarbeit erfolgreich fortsetzen konnte. Er verstarb im Jahr 2001.

Dr. Christiane Scheidemann

 

 

Stolpernd zurückschauen

Schülerinnen und Schüler des 11. Jahrgangs des Beethoven-Gymnasiums recherchierten die Biografien von Dr. Richard und Alice Hohenemser, begleitet von Dr. Christiane Scheidemann, Historikerin und Ehrenamtliche des Netzwerks Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz: "Die Wahl für das Ehepaar Richard und Alice Hohenemser ergab sich aus der Tatsache, dass Richard Hohenemser Musikhistoriker und Musikwissenschaftler war und auch das Beethoven-Gymnasium einen musischen Schwerpunkt hat. Zudem liegt die Havensteinstraße in unmittelbarer Nachbarschaft der Schule", sagt Christiane Scheidemann.

Aus dieser Wahl folgten sehr verschiedene Themengebiete für die Jugendlichen: die Erarbeitung der Biografien und Familiengeschichte, der wissenschaftlichen Arbeit Dr. Richard Hohenemsers wie auch der des Sohnes Dr. Kurt Hohenemser, eines namhaften Flugzeugingenieurs. "So beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig mit der Judenverfolgung und mit der Lehre und Forschung während des Nationalsozialismus", erklärt Scheidemann. Durch die verwandtschaftliche Verbindung der Hohenemsers zur Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" wäre das Thema Widerstand ebenso wie die "Rehabilitierung von Widerstandsgruppen in der Nachkriegszeit" behandelt worden.

Erfreulicherweise konnte Christiane Scheidemann Kontakt zu zwei Urenkelinnen des Ehepaars und die Schwiegertochter des Enkels in den USA herstellen, die Informationen und Bildmaterial lieferten.

Die Angehörigen werden von den Jugendlichen eine Aufzeichnung der Verlegung und eine Dokumentation des Projektes erhalten. Außerdem haben die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeitsergebnisse in einer Ausstellung zusammengefasst, die zurzeit nur von der Schulöffentlichkeit wahrgenommen werden kann. In diesem Text kommen die Jugendlichen selbst zu Wort: Stolpernd zurückschauen

Vier Stolpersteine in Lankwitz und Steglitz am 3. Juni

Am Donnerstag, den 3. Juni 2021 werden vier Stolpersteine verlegt, um 9 Uhr in der Seydlitzstraße 40, Lankwitz und um 9.45 Uhr in der Schützenstraße 4, Steglitz. Mitwirkende des Netzwerks Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz haben die Biografien recherchiert: Lisa Marie Freitag initiierte die Verlegung für die Familie Bock. Sie wollte herausfinden, wo in ihrer Nachbarschaft Opfer des Nationalsozialismus gewohnt hatten und stieß auf Ilse Bock, die denselben Geburtsort hatte, wie sie selbst. Sie erforschte die Lebensdaten und fand heraus, dass die Tochter des Ehepaars Bock mit einem Kindertransport nach England gelangen konnte. Symbolisch wird die Familie an ihrer letzten gemeinsamen Adresse vereint. Sabine Davids stellte die Biografie von Hermann Rosengarten zusammen.

Ilse Bock stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Sie lebte mit ihrem Ehemann Max und ihrer Tochter Ingeborg Nanny in der Seydlitzstraße 40 in Berlin-Lankwitz. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 war die Familie zunehmend der Entrechtung und Verfolgung durch das Regime ausgesetzt.

Im August 1941 wurden die Familie gezwungen, ihre Lankwitzer Wohnung zu räumen. Sie kam in einem Zimmer im Gemeindezentrum der Jüdischen Liberalen Synagoge unter.
Im Zuge des zunehmenden Verfolgung erlitt Ilse Bock im Oktober 1942 einen Nervenzusammenbruch und kam in das Jüdische Krankenhaus Berlin. Hier wurde sie von der Gestapo verhaftet und in ein Sammellager gebracht. Im November 1942 wurde Ilse Bock mit einem Ostransport in das Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und später ermodert.

Ihrem Ehemann Max Bock gelang es nicht, seine Frau vor der Deportation zu bewahren. Er lebte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges versteckt in Berlin – zuletzt in der Region um den Zoologischen Garten. Er konnte der eigenen Deportation nur durch Unterstützung von Freunden entgehen. Nach dem Krieg kehrte er mit seiner zweiten Ehefrau in die Seydlitzstraße 40 zurück.

Die gemeinsameTochter Ingeborg Nanny konnte bereits 1939 mit einem Kindertransport nach England fliehen und baute sich dort ein neues Leben auf. Sie heiratete einen Mann aus Manchester. Das Paar bekam eine gemeinsame Tochter, die es Barabara Susan nannte. Um die Familie Bock symbolisch wieder zusammenzuführen, werden drei Stolpersteine vor der letzten freiwilligen Wohnandresse in der Seydlitzstraße 40 verlegt.

Recherche: Lisa Marie Freitag

Hermann Rosengarten wurde am 6. Februar 1884 im Osthavelland bei Berlin geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie. Seit 1922 lebte Hermann unter der Adresse Schützenstraße 4 in Steglitz. Er war Kaufmann und betrieb viele Jahre ein Schuhgeschäft.

Aus Hermann Rosengartens erster Ehe stammte die Tochter Alice, die am 9. Mai 1918 geboren wurde. Die zweite Ehe mit der nicht-jüdischen Selma Habeck blieb kinderlos.

Am 5. April 1933 emigrierte das Ehepaar Rosengarten zusammen mit Hermanns Mutter Salomea nach Holland. Von dort wurden Hermann und seine Mutter am 7. November 1942 über das Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Auch die Tochter Alice war mit ihrem Ehemann Kurt Essinger 1935 in die Niederlande geflüchtet. 1940 wurde ihr Sohn Robert in Amsterdam geboren. Die junge Familie wurde am 29. August 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Hermanns Schwester Jenny konnte in die Schweiz emigrieren, das Schicksal seines Bruders Jacob ist  nicht bekannt.

Sabine Davids

Letzte Änderung am: 09.06.2021