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Acht neue Stolpersteine in Steglitz

Am Mittwoch, den 24. März 2021 werden acht Stolpersteine für zwei jüdische Familien verlegt, um 9 Uhr in der Lankwitzer Corneliusstraße 26a und um 9.45 Uhr in der Steglitzer Buggestraße 21. Vertreterinnen des Netzwerks Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz haben die Biografien der ehemaligen Mitbürger inklusive Fotomaterial recherchiert. Die Lebensläufe der 5-köpfigen Familie Langnas wurden von Klaus-Peter Schaal ermittelt, die der Familie Kohn von Karin Sievert.

 

Die Familie Langnas war eine ganz normale Berliner Familie jüdischen Glaubens, so wie alle anderen Bewohner des gehobenen Bürgertums im Lankwitzer Komponistenviertel, ob sie nun christlichen Glaubens waren, als Freidenker lebten oder sich für ein Glaubensleben wenig interessierten.

Die Familiengründung erfolgte am 12. November 1912 durch die Eheschließung von Pauline Braun und Alfred  Langnas. Vier Kinder wurden dieser Ehe geschenkt. Tochter Hildegard verstarb bereits 1917. Anscheinend lebte die junge Familie Langnas voller Hoffnung in den Jahren des 1. Weltkrieges und später in den viel beschriebenen 1920er Jahren, denn in dieser Zeit wurden die Kinder Gerda (1914), Hildegard (1916), Heinz Gustav (1918) und Joachim (1920) gboren.

Die Idylle dieses Familienlebens und das Leben aller anderen Mitbürger jüdischen Glaubens fand ab 1933 durch die Machtergreifung der NS-Schergen ein jähes Ende. Die Eltern Pauline und Alfred hatten die Zeichen der Zeit erkannt. Für sie war Deutschland nun keine sichere Heimat mehr.

Die Eltern sorgten dafür, dass Tochter Gerda und Sohn Heinz Gustav 1936, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele, Berlin verlassen konnten und in Brasilien eine neue Heimat fanden. Ebenso Sohn Joachim, der 1938 New York erreichte.
Kurz vor seiner Verhaftung, im Zusammenhang mit der Reichsprogromnacht, konnte sich Alfred Langnas im November 1938 nach Brüssel absetzen. Ehefrau Pauline konnnte ihm im Januar 1939 folgen. In der belgische Hauptstadt lebten sie für wenige Monate in Sicherheit. Formal nur geduldet und nicht willkommen.

Nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Länder Belgien, Luxemburg und Niederlande (1.-10. April 1940) verloren sie ihre Freiheit, wurden interniert und durch die belgischen Behörden gewaltsam nach Frankreich abgeschoben. Am 2. September 1942 wurde Alfred Langnas von Drancy (Paris) nach Auschwitz deportiert, ebenso von dort seine Ehefrau Pauline am 20. Januar 1944. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Um so erfreulicher ist es, dass mit  der Verlegung der Stolpersteine vor dem früheren Wohnhaus der Familie in Lankwitz, Corneliusstr. 26a, ein Ort des Gedenkens und ein Mahnmal gegen das Vergessen entstanden ist. Ein kleiner Stein ist immer mehr als seine geringe Substanz, aus dem er entstanden ist. Ebenso ist der Brauch im Judentum zu verstehen, wenn seit alters her kleine Steine als Erinnerungsgeste auf die Gräber gelegt werden.

 

 

Klaus-Peter Schaal

Fotos: Privatarchiv Ruth Grünwald, Sao Paulo

Alice Kohn geb. Rosenberger wurde am 27. Februar 1903 in München geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Moritz Rosenberger und Ehefrau Amalie. Alice hatte einen jüngeren Bruder, Ludwig, der bereits 1926 nach Jerusalem und später in die USA auswanderte.

Im Alter von 20 Jahren trat sie allein eine Reise in die USA an. Sie fuhr ohne Begleitung in der 1. Klasse auf dem Dampfer „Ohio“ nach New York. Die Motive für diese Reise sind unbekannt, ebenso wann sie wieder nach München in ihr Elternhaus zurückkehrte. Am 8. Mai 1928 heiratete sie in München den Bankrevisor Isidor Kohn und zog mit ihm nach Berlin in die Buggestraße 2. In der Heiratsanzeige heißt es - wie damals üblich - sie sei „ohne Beruf“ gewesen

Zwei Jahre nach der Hochzeit, am 30. September 1930, wird der Sohn Erwin geboren.
Schon 1933 zwingen die Repressalien der gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten die Familie in die Flucht. Nach längeren Aufenthalten in Dänemark und der Tschechoslowakei finden die Kohns 1936 in den USA eine neue Heimat.

Karin Sievert

Isidor Isaak Kohn wurde am 7. Oktober 1889 in Bamberg geboren. Er war das vierte in einer Reihe von sechs Kindern des Handelsmanns Heßlein Kohn und seiner Ehefrau Pauline.

Isidor diente schon 1913 im kaiserlichen Infanterieregiment und geriet während des Ersten Weltkriegs in französische Gefangenschaft. Er kehrte nach der Gefangenschaft zunächst nach Bamberg zurück, ging dann aber nach Berlin, wo er seine Berufsausbildung als Bankfachmann begann.

Der Weg führte ihn zwischenzeitlich nach München, dort lebte er von 1922 bis 1929. In München lernte er Alice Rosenberger kennen, sie heirateten am 8. Mai 1928. Berufliche Gründe führte das Ehepaar nach Berlin. Im Adressbuch von 1931 ist Isidor Kohn erstmalig unter der Adresse Steglitz, Buggestraße 21 verzeichnet.

Der Sohn Erwin Kohn wurde am 30. September 1930 in Berlin geboren.

Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Isidor Kohn als Jude vom Bankvorstand umgehend degradiert. Er beschloss, mit seiner Familie das Land zu verlassen.

Die erste Station ihrer langen Reise war Dänemark. Von Dänemark zog die Familie zu einem nicht bekannten Zeitpunkt in die Tschechoslowakei weiter, um dann 1936 endgültig in die USA auszureisen.

Am 31. Dezember 1936 änderten sie in New York ihre Namen um in Walter, Alice und Henry Kolm.

Karin Sievert

Letzte Änderung am: 27.05.2021