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Viel investiert und viel erreicht

Katrin Rudolph verabschiedet sich aus der Erinnerungskultur


Neben ihrem Dienst als Pfarrerin der Markus-Kirchengemeinde war sie sieben Jahren lang Vorsitzende des Netzwerkes Erinnerungskultur des Kirchenkreises Steglitz und Beauftragte für die Stolpersteinarbeit. Unter ihrer Leitung hat sich viel getan. Menschen von außerhalb und innerhalb der Kirche arbeiten engagiert für die gemeinsame Sache „Erinnerungskultur in Steglitz“ zusammen. Zum September wechselt Katrin Rudolph in das Amt der Superintendentin des Kirchenkreises Zossen-Fläming. Ein Gespräch über die Entwicklungen der letzten Jahre.

Frau Rudolph, Sie sind nicht nur Theologin, sondern haben an der Humboldt-Universität im Fach Geschichte promoviert. Was genau war Ihr Thema?

Mein Forschungsthema war ein Helfernetz in Berlin-Dahlem zu Beginn der 1940er Jahre rund um Franz Kaufmann und Helene Jacobs, das vielen Juden und Christen jüdischer Herkunft zur Flucht verhelfen konnte. Bis Anfang der 2000er Jahre gab es nur Zeitzeugenberichte, die sich auf den recht engen „Kaufmann-Kreis“ bezogen. Meine Untersuchungen haben aber ergeben, dass ein sehr großes Netz von Helferinnen und Helfern mit einer Reichweite bis in die Schweiz dahintersteckte.

Mit diesem Hintergrund waren Sie vermutlich wie geschaffen für die Leitung des Netzwerkes Erinnerungskultur. Sieben Jahre waren Sie die Vorsitzende. Wie haben Sie es vorgefunden, welche Vorstellungen hatten Sie zur Weiterentwicklung?

Als ich die Beauftragung der Steglitzer Erinnerungskultur von meinem Vorgänger Gottfried Brezger übernommen habe, war das Netzwerk vor allem eine Plattform zum Austausch der an Erinnerungskultur interessierten Gemeinden im Kirchenkreis und einige Vertreter aus Zehlendorf. Ich hatte keine klare Vision davon, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln sollte. Was aber daraus wurde, freut mich sehr.

Erzählen Sie mal.

Das Netzwerk Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz ruht inzwischen auf drei starken Säulen: der Stolpersteinarbeit, der Initiative KZ Außenlager Lichterfelde und dem ehemaligen kirchlichen Zwangsarbeiterlager auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln, das unter anderem von den Lankwitzer Gemeinden mitgetragen wurde. Daraus ergibt sich schon eine gewisse Regionalisierung, die ja den Regionen unseres Kirchenkreises entspricht: In Lankwitz hat sich ein sehr aktiver Kreis herausgebildet, der sich sowohl mit dem Zwangsarbeiterlager als auch mit Stolpersteinen beschäftigt. In der Johannes-Gemeinde wurde 2005 mit der Verlegung von Stolpersteinen begonnen und durch die Initiative KZ Außenlager ist ganz Lichterfelde dabei. In Steglitz-Nord gibt es vor allem in Markus und Matthäus eine engagierte Stolpersteinarbeit. Besonders schön ist die Tatsache, dass die Friedenauer Stolperstein-Initiative in unser Netzwerk integriert ist. Auf diese Weise kommt bürgerschaftliches Engagement mit christlichem zusammen. Das verändert die Arbeit und bereichert sie. Wir sind also schon lange weg von einem Vertreterkreis hin zu einem lebendigen Netzwerk. Aus den wenigen Personen zu Beginn sind es 15–20 geworden, die zu den regelmäßigen Treffen kommen. Eine wirklich erfreuliche Entwicklung, die zeigt, wie wichtig das Thema für Steglitz ist.

Welche Leute arbeiten noch mit?

Es ist eine Generation von Interessierten nachgewachsen, die nicht mehr vorrangig das Gefühl hat, etwas abtragen zu müssen. Es engagieren sich Junge und Alte, die die Erinnerung am Leben halten wollen.

Wie stellt sich die Erinnerungskultur zu ganz aktuellen Problemlagen?

Durch meine Vernetzung mit anderen Historikerinnen und mit der Koordinierungsstelle Stolpersteine bin ich auch mit aktuellen Fragestellungen befasst. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, wo die Koordinierungsstelle sitzt, nimmt man zum Beispiel deutlich den Auftrag wahr, dem Antisemitismus von Geflüchteten zu begegnen.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit für den Antisemitismus von Zugewanderten vom eigenen ablenken soll.

So ist es. Außerdem dürfen Menschen mit Fluchterfahrungen nicht retraumatisiert werden, indem ihr Schicksal allzu leichtfertig mit der Opfer des Nationalsozialismus in eins gesetzt wird.
Anders ist es bei Menschen, die schon lange hier leben. Vonseiten der Steglitzer Alewiten gibt es zum Beispiel großes Interesse an deutscher Geschichte und der Stolpersteinarbeit, auch bei Kindern und Jugendlichen. Hierbei stellt sich immer wieder das biographische Arbeiten als guter Ansatz heraus. Die „direkte“ Begegnung bewirkt am Ende einen Lernschritt.

Zurück zum Netzwerk: Was gehört neben der Leitung der Treffen zu Ihren Aufgaben?

Ich vertrete die Steglitzer Stolpersteinarbeit im Beirat der  kirchlichen Lernorte in Berlin bei der Generalsuperintendentin. Und da ich auch die Stolpersteinkoordinatorin für Steglitz bin, gibt es ebenfalls zweimonatliche Treffen in der Koordinierungsstelle Stolpersteine. In meinem Fall ließ sich diese Beauftragung mit dem Vorsitz des Netzwerkes gut verknüpfen. Die Konstruktion sollte aber in Zukunft überdacht werden.

Wofür ist die Stolpersteinbeauftragte zuständig?

Unter anderem für die komplette Begleitung einer Stolperstein-Anfrage bis zur Verlegung, inklusive der Beantragung beim Tiefbauamt. Zu Beginn meldeten sich viele Interessierte aus den Kirchengemeinden oder Nachbarn. Sie wollten wissen, ob es in ihrem Haus oder ihrer Straße deportierte jüdische Bewohner gegeben hat. Von der Suche nach biographischen Details bis zur Verlegung des Steins war da Unterstützung nötig. Das hat sich über die Jahre sehr verändert. Inzwischen haben die Ehrenamtlichen des Netzwerkes nämlich große Kompetenz erworben. Durch ihre langjährige Erfahrung, aber auch durch Workshops z. B. des Aktiven Museums wissen sie, wie die Recherche funktioniert und was sonst dazu gehört. Dadurch können Ehrenamtliche jetzt selbstständig die technische Seite von der Anfrage bis zur Verlegung begleiten, und ich vermittle die Anfragen vor allem weiter. Wir haben da  einen großen Grad von Professionalisierung erreicht.
Mehr als früher melden sich heute Angehörige von Opfern des Nationalsozialismus, insbesondere aus den USA und Großbritannien, wie zuletzt Maureen aus London. Da die erste Generation der vertriebenen Verfolgten ausstirbt, gibt es einen Druck der zweiten und dritten Generation, mehr zu erfahren. Die Nachgeborenen wollen etwas über das Schicksal ihrer Eltern und Großeltern wissen.

Da hat sich also eine Menge im Verlauf von sieben Jahren geändert?

Sehr. Früher gab es die Idee einer flächendeckenden Verlegung von Stolpersteinen. Inzwischen geht es mehr darum, die Anfragen auch seelsorgerlich gut zu begleiten, insbesondere bei solchen von Angehörigen. Aber auch die Beweggründe von Menschen, die sich für das Schicksal von Opfern des Nationalsozialismus interessieren, sollen gehört werden. Die Verlegung eines Stolpersteins und die Begegnung mit der Biographie eines anderen ist auch für die Initiatorin oder den Initiator ein Prozess, der manchmal Begleitung braucht.

Da kommen wir von der Historikerin zur Pfarrerin.

(lächelt). Zu Beginn habe ich von der Bearbeitung der Anfragen bis hin zur Befähigung der Ehrenamtlichen alles allein gemacht. Jetzt kann ich mich mehr auf die wichtigen Dinge konzentrieren.

Wie sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Ich bin sehr dafür, die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Die Stolpersteinarbeit ist fordernd und sollte vom Vorsitz des Netzwerkes entkoppelt werden. Wenn zwei Leute sich um die Themen kümmern würden, wäre auch mehr Öffentlichkeitsarbeit drin, zum Beispiel Begleitartikel zu den Verlegungen. Auch die Gedenktage könnten mit mehr Kapazität besser ausgestaltet werden.

Wie blicken Sie auf Ihren Abschied?

Ähnlich wie auf meinen Abschied von der Markus-Gemeinde, mit Dankbarkeit und Wehmut. Ich freue mich sehr über die Entwicklungen der letzten Jahre. Und ich weiß, dass es genug fähige und engagierte Menschen gibt, die das Netzwerk weitertragen werden. Ich bin sehr dankbar, dass mit Pfarrer Roland Wicher eine kompetente Nachfolge gefunden ist, auch wenn er diese zunächst nur kommissarisch wahrnimmt.

Das Gespräch führte Ulrike Bott.

Letzte Änderung am: 24.08.2018