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Friedrich Wirnsberger (1931-2018)

06.09.2018

Erinnerung an einen aufrechten Menschen

In der Traueranzeige zu seinem Tod am 7. Juli 2018 wurde Friedrich Wirnsberger, Pfarrer und Superintendent i.R., von 22 Kolleginnen und Kollegen seiner Steglitzer Zeit mit folgenden Worten gewürdigt:

„Wir erinnern uns an seine Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit, seinen Humor und seinen Charme, an seine Autorität und seine Zugewandtheit, seinen sorgsamen Umgang mit der Sprache und den leise kärntnerischen Klang seiner Sätze, an seinen erfahrungssatten kritischen Blick auf die Welt und auf seine Kirche“.

„Keine Vita!“

Ein großer und aufrechter Mensch war er, mit kräftigem Widerspruch gegen Selbstdarstellung und falsche Töne in der Kirche wie in der Politik. Keinen ausführlichen Lebenslauf wollte er, doch wie ist das möglich bei einem so bemerkenswerten Lebensweg und einer so eindrücklichen Prägung und Ausstrahlung? 

Mit anrührenden Worten wurde im Gedenkgottesdienst in der Johanneskirche am 20. Juli mit dem von ihm gewünschten Pfarrer i.R. Rolf Tischer (früher Dreifaltigkeitsgemeinde Lankwitz), Pfarrerin Miehe-Heger und vielen, die er auf ihrem Lebensweg begleitet hat, Abschied von Friedrich Wirnsberger genommen. Er selber hatte dazu noch Lieder und Texte ausgesucht. Kräftig erklang der Gesang der Gemeinde. Die Aufbrüche im Leben Friedrich Wirnsbergers standen im Mittelpunkt der Predigt von Pfarrer Tischer über das Wort des Apostels Paulus:

„Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Römerbrief 14,8)

Aufbrüche

„Als meine Taufpaten von meiner Studienrichtung hörten, brachen sie den Kontakt ab“

- so überschrieb Friedrich Wirnsberger seinen ungewöhnlichen beruflichen Weg in dem Buch „Warum ich Pfarrer wurde“ (Hartmut Walsdorff, Hg., Wichern-Verlag, 1985). Aus einer Arbeiter- und Bauernfamilie in Kärnten kommend, war er der erste, der ins Gymnasium ging. Schon mit 14 Jahren musste er daneben zum Lebensunterhalt beitragen, weil der Vater nicht aus dem Krieg zurückgekommen war. Sein Religionslehrer brachte ihn dazu, die Bibel zu lesen, deren sorgfältiges Studium sein Leben bestimmen sollte. „Pfarrer waren in breiten Volksschichten nicht angesehen. Man hielt sie eher für Spinner“, erklärt Friedrich Wirnsberger die ablehnende Haltung seiner Taufpaten. Doch er hielt durch beim Studium der Sprachen und dann der Theologie in Wien, Lund und Tübingen und auch, als er in der Diasporagemeinde in den unwegigen Kärntner Bergen als Vikar auf sich allein gestellt war. Dort begegnete er Menschen, die das ‚Priestertum aller Gläubigen‘ lebendig hielten.

Seine Frau Walfriede und er kannten sich seit Jugendzeiten. Zwei Töchter und zwei Söhne wurden ihnen geschenkt. Die junge Pfarrfamilie folgte dem Ruf nach Westberlin, wo er von 1963-1971 Pfarrer in der Heilandsgemeinde / Tiergarten war. Mit seinem österreichischen Pass konnte er intensiv die kirchlichen Partnerbeziehungen zwischen Ost und West pflegen.

Ein großes Wagnis war 1971 der Aufbruch in die deutschsprachige Ev. Lutherische Kirche in Concepción / Chile. Den Putsch gegen die Regierung Allende am 11. September 1973 hat er selbst miterlebt. Zivilcourage bewies er bei den Besuchen von Gefangenen. Seine Gemeindeleitung ließ ihn bei diesem gefährlichen Beistand gewähren. Die Erfahrungen in Chile und die Freundschaft mit Karoline Mayer blieben für ihn von großer Bedeutung. Als der 9/11 zum Gedenktag an die Anschläge auf die Türme in New York im Jahre 2001 wurde, hat er sich mit einem Schild vor die Gedächtniskirche gestellt, um den Putsch am 11.September 1973 in Chile aus der Vergessenheit zu holen. Und wenn jemand von „Amerika“ sprach, fragte er kritisch nach, was gemeint sei: die USA oder Lateinamerika?

Nach der Rückkehr aus Chile 1977 war Friedrich Wirnsberger für fünf Jahre Pfarrer in der Fürbittgemeinde in Neukölln. Dort erreichte ihn der Ruf, sich neben dem Vakanzverwalter als Kandidat für das Superintendentenamt im Kirchenkreis Steglitz, verbunden mit einer Pfarrstelle in der Johannesgemeinde, zur Verfügung zu stellen. Zur allgemeinen und insbesondere seiner eigenen Überraschung wurde er gewählt, und so wurde die Johannesgemeinde zu der Gemeinde, in der er am längsten Pfarrer war (1982-1993).

Hier entfaltete er seine vielfältigen segensreichen Tätigkeiten: Seine Predigten waren biblisch fundiert, klar, aber nicht vereinfachend, ohne Hülsen und Redewendungen, nicht pastoral, immer auch etwas widersetzlich und mit Lust am Spiel mit Worten. Er achtete auf „einfache Sprache“, hat nie abgehoben gesprochen und ist so bei den Menschen geblieben. Bei der Textauslegung hat er immer wieder Erkenntnisse gewonnen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Kleine Details in seinen Beobachtungen haben für ihn oft das große Ganze ausgelegt. Und vielen bleibt in Erinnerung, wie er seine großen Hände zum Segen erhob.

Sein Herz hing besonders auch an den Besuchen in der Gemeinde. Zusammen mit Magdalene Baur und Agnes v. Walther hat er das Besuchsdienstseminar begründet und auch im Ruhestand weiter begleitet. Und er setzte sich für eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der Johannesgemeinde in der NS-Zeit ein.

Als Superintendent waren ihm zugleich die Förderung der Zusammenarbeit im Kirchenkreis und die Nähe zu den Gemeinden und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wichtig. Besuche, Begegnungen und Zusammenkünfte entsprachen seinem persönlichen Leitungsstil.

Als er erkannte, angesichts der institutionellen Mühlen auch in der Kirche, seinen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können, gab er das Superintendentenamt 1989 vorzeitig auf und begründete seinen Schritt vor der Kreissynode:

„Die doppelte Verpflichtung in Gemeinde und Kirchenkreis lassen eines von beiden, vielleicht beides, zu kurz kommen. Ich sehe immer weniger Möglichkeiten, die Interessen des Steglitzer Kirchenkreises der schier allmächtigen landeskirchlichen Bürokratie gegenüber durchzusetzen.“

Auch als Superintendent war Friedrich Wirnsberger in der Johannesgemeinde sehr präsent. Auf die Gemeinde konnte er sich nun in den letzten vier Jahren vor dem Ruhestand (1993) ganz konzentrieren.

In Erinnerung behalten

Friedrich und Walfriede Wirnsberger sind manchen aus der Johannesgemeinde zu verlässlichen Weggefährten und vertrauten Freunden geworden. In seiner Freundschaft mit Schwester Karoline Mayer in Chile und Superintendent Joachim Rißmann im Kirchenkreis Lichtenberg und in der Kirchengemeinde Karlshorst prägte er die partnerschaftlichen Beziehungen. Sein wacher Blick auf die vielfach nicht hinterfragte institutionelle Selbstbestätigung und Sprachverwirrung in der Kirche und in der Politik half andern bei ihrer kritischen Orientierung. Wir werden seine zuweilen spitzen Bemerkungen mit zugespitzten Lippen und einem Lächeln in den Augen nicht vergessen. Vor allem aber behalten wir ihn in Erinnerung als einen zugewandten Menschen, der wirklich wissen wollte, wie es den andern geht. Er konnte zuhören.

Gottfried Brezger, Christiane Jenner