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Ein Pfarrer von der Schraube bis zur Bahre

Jörg Zabka verabschiedet sich aus Martin-Luther

© Foto Kirsch

Er übersetzt morgens die Tageslosung vom Urtext ins Deutsche, liest für sein Leben gern Fahrpläne und in seinem Arbeitszimmer steht immer der Werkzeugkasten bereit: Jörg Zabka, 53 Jahre alt, war fast 21 Jahre Pfarrer der Martin-Luther-Kirchengemeinde im Pfarrsprengel Steglitz-Nord. Und nicht nur das. 16 Jahre arbeitete er im Kreiskirchenrat mit, ebenso lange im Präsidium der Kreissynode. Dreieinhalb Jahre war er sogar deren Präses, dazu die sieben Jahre als stellvertretender Superintendent. Jörg Zabka hat Spuren hinterlassen. Nun zieht er mit Ehemann Alexander in den Norden Berlins und übernimmt die Pfarrstelle der Ev. Kirchengemeinde Karow.

Schüchterner Agitator

Im Gemeindebrief verabschiedet sich Jörg Zabka wie der Apostel Paulus persönlich: „Meine große Bitte an Sie und Euch, liebe Geschwister: Haltet am Glauben fest. Stützt Euch gegenseitig. Pflegt die Gemeinschaft der gewachsenen Gemeinde. Freut Euch der vielen unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen, mit denen Ihr ausgestattet seid – und nutzt sie.“ Große Worte, die ein junger Pfarrer so nicht sagen könnte. Wie kommt einer dahin, mit solcher Autorität zu sprechen? Erfahrung, meint Jörg Zabka, plus das Wissen um die eigenen Grenzen. Er werde von seinem Glauben getragen – ohne das könne er, könne man das Pfarramt nicht ausfüllen. Aber er wisse sich auch von der Gemeinde getragen, das habe er in Zeiten der Not auf bewegende Weise erfahren, sagt er. Seine Mutter dagegen wundere sich noch heute, wie aus dem schüchternen Jungen von damals so ein Pfarrer werden konnte. Einer, der auf die Menschen zugeht.

Dabei wurde er bereits in der 6. Klasse als Agitator ausgebildet. Ob da nicht schon etwas anklang von seiner Gabe, Menschen um sich zu versammeln? Aufgewachsen in Berlin-Wilhelmsruh wollten seine Eltern ihm alle Möglichkeiten offenhalten, in der DDR keine Wege verbauen. Jörg Zabka feierte neben der Jugendweihe trotzdem die Konfirmation. Der Gottesdienst gehörte seitdem zu seinem Leben, denn in der Kirche fühlte er sich geborgen. Sie war Freiraum zum Denken und Ausprobieren. Gemeinsam lasen sie in der Jungen Gemeinde Karl Marx - unter anderem. Jugendlichen einen Ort bieten, an dem sie sein können wie sie sind, an dem sie ihren Widerspruchsgeist schärfen können, ist ihm heute noch wichtig.

Systeme tief verstehen

Jörg Zabka wechselte mit 15 Jahren auf eine Mathe-Spezialschule, eine Vertretungslehrerin hatte sein Talent entdeckt. Das war eine neue und tolle Erfahrung: unter anderen Freaks lernen zu dürfen, mit Leuten, die sich ernsthaft dafür interessierten. Mit so viel Mathematik und Physik pro Woche, dass die Jugendlichen zum Abitur schon 2-3 Studiensemester abgeleistet hatten. Das war seine Welt, Systeme durchdenken und tief verstehen.

Einen Abglanz davon konnte übrigens erhaschen, wer Jörg Zabkas Anschreiben zu den Corona-Andachten gelesen hat, die er im letzten Jahr über Monate veröffentlichte. Jeden Tag durften die aufmerksamen Leserinnen und Leser etwas Neues aus Geschichte, Religion, Wissenschaft lernen, eine Art VHS-Kurs in Allgemeinbildung.

Mathematik und Theologie sind ähnlich

Das Angebot in der 11. Klasse Latein zu lernen, lehnte er damals ab, sah für sich keinen Bedarf. Denn Jörg Zabka wollte Physik studieren, den passenden Studienplatz hatte er und wollte ihn 1988 nach dem Wehrdienst in der NVA antreten.

Dazu sollte es nicht kommen. Die Zeit in der Armee brachte ihn auf einen anderen Kurs. Er sei dort Außenseiter gewesen, sagt er, zwar nicht gemobbt, aber eben anders als die anderen. In seiner Schulzeit war er eingebunden, in die Junge Gemeinde, die Mathematische Schülergesellschaft, den Literaturkurs am Deutschen Theater. In der Armee zählte dieser Erfahrungshintergrund wenig und doch machte er dort wichtige Erfahrungen. Jörg Zabka las die Bibel und fing an, über seinen Glauben zu sprechen. Und fand interessierte Gesprächspartner, vom Offizier bis zu den Wehrdienstleistenden. Außerdem machte er die Erfahrung, dass auch ganz „harte Jungs“ ihm Persönliches anvertrauten. Mit anderen Worten, er entdeckte seine Begabung als Seelsorger. Dazu las er in dieser Zeit sein erstes theologisches Buch und fand heraus, dass Theologie ja eine Wissenschaft ist. Dass sein Hunger nach Theorie dort genug Nahrung finden würde.

Denn, so erklärt er, Mathematik und Theologie seien im Denken verwandt. In der Mathematik gehe man von einer Grundannahme aus, die wahr oder falsch sein könne. Ganze Denksysteme aus Annahmen erschaffe die Mathematik, die mit Hilfe der Logik untersucht würden. In der Theologie sei es ähnlich: hier laute die Grundannahme oder auch Offenbarung Gott. Auch in der Theologie würden Denksysteme entwickelt, auf Widersprüche untersucht und hinterfragt. Am meisten habe er dabei von Bibelstunden und Konfirmandenunterricht profitiert: immer wieder erklären, worum es gehe, kläre die Dinge für einen selbst, sagt er.

1987 – noch während des Wehrdienstes – durfte Jörg Zabka den Kirchentag in Berlin besuchen. Und das war’s dann. Dort entschied er sich für die Theologie. Natürlich wusste er, dass das eine Lebensentscheidung war, hinter die er nicht wieder zurückkönnte, nicht in der DDR. Aber er wurde sich sicher und hat es nicht bereut. Eine Sache gehört allerdings weiterhin zu seinem Leben: jedes Jahr in der Adventszeit setzt sich Jörg Zabka spätabends mit Papier und Bleistift hin und rechnet die Aufgaben des Mathe-Adventskalenders durch.

Ruhe, Kreativität und Chaos

Gefragt nach den drei wichtigsten Entwicklungen in den über 20 Jahren Martin-Luther-Gemeinde, nennt er neben dem intakten Gebäude die gewachsenen Gottesdienstbesucherzahlen und das vertrauensvolle Miteinander. Das hört sich an, als hätte einer treu und fleißig seinen Dienst getan. Fleiß ist nämlich auch so ein Merkmal von Jörg Zabka. Er sei sehr kreativ und ständig am Erfinden, sagt er. Andere schrieben sich die Erfahrungen nach einer gelungenen Konfirmandenstunde auf, er erfinde sie beim nächsten Mal wieder neu. Das sei auch ein bisschen blöd, lacht er, er könne sich aber auf das Weitersprudeln seiner Kreativitätsquelle verlassen. Ein so kreativer Mensch kann einfach keinen aufgeräumten Schreibtisch pflegen. Er sei nicht nur ein guter Erfinder, sondern auch ein guter Finder, sagt Zabka. Er wisse immer, wo das Gesuchte sich befinde und hätte absolut Struktur im Chaos. Aber auch die handfesten Dinge verrichtet er gerne. Er traue sich praktisch an alles, was Haushandwerken angehe, sagt er. Deswegen steht im Dienstzimmer auch der Werkzeugkasten immer bereit. „Ein Pfarrer von der Schraube bis zur Bahre“ ist das geflügelte Wort des GKR-Vorsitzenden Niels Lau dazu.

Es gibt weitere prägnante Eigenschaften, die auf den ersten und den zweiten Blick auffallen: Jörg Zabka ist die Ruhe in Person. In seiner Gegenwart entspannt man einfach, eine Sache, die sich besonders in Konfliktsituationen auszeichnet. Bei seinem Vorstellungsgottesdienst in der neuen Gemeinde dachte er mal kurz er müsse ja jetzt aufgeregt sein – war er aber nicht. Das besorgten schon die anderen für ihn. Und er hat Humor. Über sich selbst lachen können, hält er für eine wichtige Eigenschaft. Als er bei besagtem Gottesdienst auf eine Stolperfalle hingewiesen wurde, sagte er, falls er falle hätte wenigstens die Gemeinde was zu lachen. Auf diese Weise und ganz sicher mit einer überzeugenden Predigt und Gespräch muss er sich ins Herz der Karower gespielt haben. Der Text im Karower Gemeindebrief zeugt auf jeden Fall davon.

Pfarrer mit einer Prise Landwirt

Natürlich fällt ihm der Abschied von den Menschen in Martin-Luther schwer. Der Verabschiedungsgottesdienst wird sicher tränenreich, sagt er. Er möchte am liebsten, dass jetzt alle zusammenhalten und die Gemeinde stabilisieren, bis die oder der Neue kommt.
Aber Jörg Zabka freut sich auch, allein schon, weil die Karower sich auf ihn freuen. Gemeinsam mit Alexander Brodt-Zabka konnte er das Grundstück seines Urgroßvaters übernehmen, wo die beiden neben ihrer pfarramtlichen Tätigkeit auch ein kleines bisschen Landwirtschaft betreiben werden. Die Minorka-Hühner sind schon vor Ort und wachsen wie dolle. Sie heißen 1 bis 13 und Grauköpfchen, jedes ein Individuum, freut er sich.

Der Kirchenkreis Steglitz jedenfalls dankt für alle segensreichen Spuren, die Jörg Zabka im Südwesten Berlins hinterlassen hat. Möge er nun an anderer Stelle in gleicher Weise säen und ernten.

ubo

Am Sonnabend, 25. September um 14 Uhr wird der Abschiedsgottesdienst für Jörg Zabka in der Martin-Luther-Kirche gefeiert, Tulpenstraße 1, 12203 Berlin.