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Die Mutter-Kind-Sprachlerngruppe als Raum für Vertrauen und Resilienz

Was geflüchtete Mütter für den Spracherwerb benötigen

Tafel mit Schriftzug "Sprechen Sie Deutsch?"
© Gerd Altmann/Pixabay

Beate Ehlers hat Darstellende Künste und Theater-Therapie studiert. Sie ist Schauspielerin und hat zusätzlich eine Zertifizierung als Lehrkraft für Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache (DaZ, DaF). Einige Jahre unterrichtete sie  in den vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützten Integrationskursen und kennt die Arbeit mit Menschen mit Alphabetisierungsbedarf.
Seit August 2021 ist Beate Ehlers als DaF-Fachkraft in dem Projekt Mutter-Kind-Sprachlerngruppe des Diakonischen Werkes Steglitz und Teltow-Zehlendorf in der Gemeinschaftsunterkunft am Beelitzhof tätig und erzählt, warum sie von dieser Arbeit begeistert ist.

Liebe Beate, warum hast du dich entschieden, bei diesem Projekt mitzumachen?

Seit 2015 bin ich DaZ- und DaF-Lehrerin und habe Integrationskurse gegeben. Da habe ich zum ersten Mal mit geflüchteten Menschen gearbeitet. Ich empfand das als eine sehr wichtige und sinnvolle Arbeit. Es war allerdings auch druckvoll, weil die Teilnehmenden in einer sehr kurzer Zeit Deutsch lernen mussten. Innerhalb von sechs Monaten sollten sie ein B1-Niveau erreichen, dabei waren ihre Grundvoraussetzungen sehr unterschiedlich. Es gab gebildete Teilnehmende, denen das nicht so schwerfiel. Aber es gibt auch sehr, sehr viele Frauen und auch Männer die keine Ausbildung gehabt haben, nicht einmal eine Schulbildung von vier Jahren. Für sie war es eine riesige Herausforderung, die Sprache in so kurzer Zeit zu lernen. Man darf nicht vergessen, dass viele dieser Menschen ihre Heimat verloren haben, ein Teil ist traumatisiert. Die prekäre Lebenssituation, in denen die Geflüchteten leben, erfordert sehr viel Kraft, sodass der Erfolgsdruck der Integrationskurse zunehmend als negativ empfunden wurde. Das hat sich natürlich auf die Lernmotivation der Teilnehmenden ausgewirkt. Ich hätte uns insgesamt mehr Zeit für die Kurse gewünscht.

Aber ich wollte weiter mit dieser Zielgruppe arbeiten. Die Mutter-Kind-Sprachlerngruppe gibt mir die Möglichkeit dazu. Ich arbeite in einer Gemeinschaftsunterkunft und bin also direkt vor Ort, was das Angebot für die Frauen leicht erreichbar macht. Wir arbeiten ausschließlich mit Müttern, die kleine Kinder haben. Viele dieser Kinder sind in einem Flüchtlingslager geboren. Viele sind über Griechenland, Spanien und Schweden nach Deutschland gekommen. Sie haben schwierige Jahre hinter sich, viele Kinder sind in diesen Lagern aufgewachsen. Deswegen geht es in der Mutter-Kind- Sprachlerngruppe vorrangig um das Wohlbefinden, es geht um die Mutter-Kind-Beziehung und das Miteinander. Eine Pädagogin sorgt dafür, dass die Kinder sich bei uns wohlfühlen. Wenn die Kinder gerne kommen, dann sind die Mütter auch motivierter, mitzumachen. Das ist das Kostbare in dieser Gruppe, dass die Mütter gerne kommen, dass die Kinder gerne kommen, dass wir uns immer mehr zusammenfinden. Dadurch entsteht Vertrautheit und Verbindlichkeit. Es ist ein Miteinander, es entsteht eine Gruppe, ein Gruppengefühl.

Aus deiner Rolle als DaF-Fachkraft, hast du ein bestimmtes Ziel, was du in dem Angebot erreichen möchtest?

Mir ist hauptsächlich wichtig, dass die Frauen aufgefangen werden. Sie sollen die Sprache ohne Ängste erlernen. Die Frauen sollen ohne Druck ihre Ziele erreichen, indem sie in der Gruppe Wertschätzung erleben. Sie müssen nicht so und so viele Lektionen in der Woche schaffen. Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Mein Ziel ist natürlich schon, dass sie Deutsch lernen. Aber dass sie vor allem mehr Mut haben. Zum Beispiel war eine Teilnehmerin aus Nigeria sehr frustriert, weil sie es nicht schaffte, sich auf Deutsch zu verständigen. Jetzt gelingt es ihr langsam und sie hat sehr viel Freude daran und wirkt entspannter. Dadurch, dass sie langsam verstanden wird, konnte sie ihre Frustration überwinden. Das ist ein ganz wichtiger Faktor und wenn wir das erreichen, dann haben wir viel erreicht. Dann kann sie später an einem Integrationskurs teilnehmen. Viele dieser Frauen würden in einem Integrationskurs untergehen, weil sie gar nicht so weit sind, weil sie die Sprache noch nicht umsetzen können, weil sie ihre Anliegen nicht verbalisieren können.

Das klingt so, als ob die Mutter-Kind-Sprachlerngruppe eine Art Vorbereitung auf spätere Sprachkurse bzw. Integrationskurse ist?

Absolut.

Man merkt, dass du sehr hinter diesem Projekt stehst, aber es gibt bestimmt auch Herausforderungen, zum Beispiel, dass die Frauen sehr unterschiedliche Sprachlevels haben?

Ja, das kann sein. Noch geht es, ich bekomme alle in einem Boot unter. Aber wenn wir weitergehen - manche sind schon weiter und lernen auch schneller - dann müssen sie Einzelaufgaben bekommen. Ich arbeite momentan sehr sprachlich, um die Frauen zum Sprechen zu ermutigen. Wir machen viele Rollenspiele und Sprachtrainings und da sind wir alle zusammen. Aber das ist natürlich jedes Mal eine Herausforderung, die Levels zusammenzukriegen. Man muss aufpassen, dass die Frauen die schon besser sind, sich nicht langweilen und man muss versuchen, alle Levels auszubalancieren.

Die Gruppe in der Gemeinschaftsunterkunft am Beelitzhof wurde Anfang August gestartet, was ist in dieser Zeit passiert, was habt ihr erreicht?

Ich arbeite mit vielen Wiederholungen, immer Wiederholungen, Wiederholungen und Wiederholungen (lacht). Da merke ich, dass die Frauen Fortschritte machen. Manchmal bringe ich den Frauen schon komplizierte Grammatik bei und merke, dass sie das mitnehmen. Regelmäßige Verben und unregelmäßige Verben, trennbare Verben, alle solchen Sachen, die ich eingeführt habe, wiederhole ich immer wieder, sodass das System klar ist und sie kommen ganz gut mit. Ich bin wirklich sehr zufrieden (lacht).

Du bist nicht nur DaF-Lehrerin sondern auch Schauspielerin. Was kannst du von deiner Erfahrung als Schauspielerin in die Gruppe einfließen lassen?

Ich glaube, das mache ich automatisch. Meine ganze Sprachgewandtheit kommt aus der Übung als Schauspielerin. Die ganze Phonetik kommt vom Schauspielen. Ich arbeite auch mit vielen Rollenspielen, sodass ich die Frauen nach vorne nehme, dass sie auch mutig werden und sich daran gewöhnen vor anderen zu sprechen. Dass sie das aushalten von anderen angeschaut zu werden. Und das ist natürlich eine sehr große Disziplin und auch Erfolg (lacht). Ich mache auch Aufwärmungsübungen, sodass die Frauen mit dem Körper arbeiten können, dass sie sich selbst und auch andere wahrnehmen.

Wenn du das Ziel des Projektes mit einem Begriff oder in einem Satz zusammenfassen könntest, was würdest du sagen?

Schaffung von Resilienz. Mit dem Erlernen der Sprache finden die Teilnehmenden Vertrauen zu sich und Vertrauen zu der Gruppe und damit fühlen sie sich auch sicherer in diesem Land. Sie werden ein größeres Vertrauen in ihre eigene Kraft entwickeln und das schafft Resilienz.

 

Aktuell finden die Mutter-Kind-Sprachlerngruppen zweimal in der Woche an sechs Standorten im Bezirk Steglitz-Zehlendorf statt:

Gruppe 1: Johann-Sebastian-Bach Gemeinde, Luzerner Straße
Gruppe 2: Gemeinschaftsunterkunft Finckensteinallee
Gruppe 3: Gemeinschaftsunterkunft Bäkestraße
Gruppe 4: Jesus Christus Gemeinde, Hittorfstraße
Gruppe 5: Gemeinschaftsunterkunft am Beelitzhof
Gruppe 6: Gemeinschaftsunterkunft am Ostpreußendamm

Weitere Informationen zum Projekt:https://dwstz.de/sprachlerngruppen.html

Mutter-Kind-Sprachlerngruppen
Koordinatorin: Frau Fischer Espínola
Johanna-Stegen-Straße 8
12167 Berlin
Mobil: 0176 56828884
sprachlerngruppen(at)dwstz.de