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Aus tiefsten Tiefen zu höchstem Licht

15.05.2020

Ausstellung mit Bildern von Achim Freyer, Kunsthaus Lichterfelde, in der Johannes-Kirche

Bis zum 30. Juni 2020 ist in der Johannes-Kirche Lichterfelde eine Ausstellung mit Bildern des Bühnenbildners, Regisseurs und Malers Achim Freyer zu sehen (Johanneskirchplatz 4, 12205 Berlin). Die Besichtigung ist Dienstag, Donnerstag und Sonntag von 16–18 Uhr sowie vor und nach den Gottesdiensten möglich.

Bei allem Übel, das mit diesen schweren Zeiten der Krise sich verbindet, gibt es doch auch schöne Momente, die gerade jetzt aufscheinen. Es entstehen Ideen und Aktivitäten, die vor dieser Zeit der Ausnahmesituation nicht entstanden sind. In der Einladung der Johannesgemeinde, in ihrer wunderschönen Kirche Bilder von Achim Freyer zu zeigen, sieht die Achim Freyer Stiftung einen solchen, schönen Moment – und mit großer Freude haben wir zugestimmt und Ja gesagt zu der Idee, die geographische Nachbarschaft zu einer gelebten Nachbarschaft zu machen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Achim Freyer in oder für eine Kirche arbeitet. So erstrahlt der Innenraum der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin seit 1991 in dem Licht, das die von Freyer neu gestalteten Seitenfenster spenden. 2016 schuf Freyer eine den gesamten Kirchenraum umfassende Installation mit skulpturalen Naturelementen in der Kunststation St. Peter in Köln. Und im Jahr 2018 zeigte er in einer temporären Ausstellung neue Bilder unter dem Titel „Licht aus Farbe“, erneut in der Kirche am Hohenzollernplatz.

Achim Freyer hat keine Berührungsängste, wenn es darum geht, seine Kunst im Zusammenklang mit einem kirchlichen Raum zu zeigen. Nun zählen Berührungsängste mit anderen Sphären zwar eh nicht zum Repertoire dieses vielseitigen Künstlers, aber es kommt hier noch ein tieferes verbindendes Element hinzu. Denn Kunst und christliche Religion folgen in ihrem innersten Kern einer gleichen Sehnsucht. Sie halten den Traum wach von einer anderen Welt. Einer Welt der Freiheit und Gerechtigkeit, einer Welt, in der das uns Bekannte wie das uns Fremde mit dem vorurteilsfreien Blick des Respekts und der Liebe angesehen wird. Eine Welt der Wärme und des Miteinanders, eine Welt des Anhörens und Ansehens des Anderen.

Unter dem Titel „Aus tiefsten Tiefen zum höchsten Licht“ hat Achim Freyer für die Ausstellung in der Johanneskirche in Berlin-Lichterfelde Bilder aus den Jahren 2017–2020 ausgewählt – einige von ihnen sind für diese Ausstellung entstanden.

Große Kunst umkreist immer die Grundkonditionen der menschlichen Existenz, Leben und Tod, Licht und Dunkel, Liebe und Einsamkeit, Hoffnung und Verzweiflung. Achim Freyer lässt mit seinen Bildern in der Johanneskirche alle Klangfarben des menschlichen Lebens anklingen. So reicht die Palette von den tiefen Tönen der Nachtseiten des Daseins wie in „November“, 2019, bis zu den lichten Schwingungen in den leuchtenden Farbflächen von „Impression“, 2019.

Die beiden großformatigen Arbeiten sind aus mehreren Einzeltafeln zusammengesetzt. Sie folgen damit einem Prinzip der künstlerischen Genese des Werkes, die Freyer seit einiger Zeit verfolgt. Der Künstler malt ein Bild über mehrere zusammengelegte Bildtafeln hinweg und reist diese danach wieder auseinander, kombiniert sie in neuer Weise und lässt so immer neue Konstellationen entstehen. Wie eine Metapher unserer gegenwärtigen Gesellschaften, die nicht mehr unisono einem harmonischen Bild, einer Idee, einer Religion folgen, sondern zusammengesetzt sind aus heterogenen Elementen, unterschiedlichen Kulturen, Ideen, Weltvorstellungen, zeichnet dieses Entstehungsprinzip der Bilder gewissermaßen die Risse unserer Gegenwart nach und verbindet sie mit der Hoffnung, dass Neues entsteht, neue Konfigurationen, in denen ehemals Fremdes zueinander findet im mannigfaltigen Bild des Diversen.

Die Ausstellung zeigt aber auch Einzelbilder, wie beispielsweise das kreisrunde „gli anni“, in dem die Zyklen der eigenen Existenz, Jahresringen gleich, in unterschiedlichen Farbigkeiten sich ineinanderfügen. Achim Freyer arbeitet in und mit seiner Malerei immer gegen das Festgefügte, das Enge, das Einengende an. Rasterhafte Strukturen, Liniengefüge, die das Dasein in Grenzen fassen, werden von rigiden Schwüngen der Malerei attackiert. In der Sprache der Malerei offenbart sich ein fundierter Freiheitsdrang, der Fesseln des Begrenzenden, Verengungen des Geistigen zu sprengen sucht.

So entstehen Lichtungen, Areale des Freien, des Unbestimmten, Terrains der Offenheit – so in „Offene Setzung“ 2020. Farbige Flächen, die frei auf der Wandfläche zu schweben beginnen – und mit ihnen die begrenzenden Lineaturen gleich mit – ein System der freien Kräfte, Ausloten des Freiraums.

Den Altarraum der Johanneskirche flankiert Achim Freyer mit zwei Fundstücken aus der Natur, die er bearbeitet hat. Zur Linken sehen wir ein hölzernes Fragment, das anmutet wie die überblendete Silhouette einer individuellen Figur, gezeichnet mit den Lineaturen der Wirklichkeit, den Tätowierungen des Daseins – „Ohne Titel (Einzelner)“, 2017. Zur Rechten überlässt Freyer ebenfalls einem gefundenen hölzernen Objekt die Diktion der Malerei. In „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, 2017, setzt ein in der Natur gefundenes Stückchen Holz die Abstraktion eines Kruzifix in Szene und fragt nach der vielgestaltigen Offenheit unserer Vorstellungskraft.

ACHIM FREYER

Achim Freyer zählt seit Jahrzehnten zu den herausragenden Bühnenbildnern und Regisseuren unserer Zeit. An den großen Theatern Europas und an den bedeutenden Opernbühnen der Welt inszeniert er bis heute. Seine Inszenierung des „Oedipe“ von Georges Enescu bei den Salzburger Festspielen 2019 wurde von der New York Times zu den weltweit besten Inszenierungen des Jahres gezählt.

Grundlage des Theaterschaffens von Achim Freyer ist sein bildkünstlerisches Werk. „Was ich entdeckte, habe ich in der Malerei entdeckt.“ Im Windschatten seines Weltruhms als Theatermann ist bis heute weniger bekannt, dass Achim Freyer auch als bildender Künstler ein bedeutendes Werk geschaffen hat, an dessen Weiterentwicklung er weiterhin unablässig arbeitet. Freyer war auf der documenta 6 im Jahr 1977 und der documenta 8, 1987 in Kassel vertreten. Zahlreiche Einzelausstellungen im In- und Ausland kommen hinzu.

Achim Freyer, 1934 in Berlin geboren, wurde nach seiner künstlerischen Ausbildung 1954 Meisterschüler bei Bertolt Brecht am Berliner Ensemble. Freyer arbeitete mit den bedeutenden Theater-Regisseuren, Stückeschreibern und Komponisten des Landes zusammen und wurde einer der stilbildenden Bühnenbildner des innovativen DDR-Theaters. Aber sein künstlerischer Freiheitsdrang stieß zunehmend an die Grenzen der Zensurmaßnahmen des Staates. 1972 nutzte Achim Freyer ein Gastspiel seines Theaters in Italien zur Flucht in den Westen; und im Nachhinein gelang es ihm auf abenteuerliche Weise auch seine erste Frau, die Bühnenbildnerin und Malerin Ilona Freyer-Denecke, und seine beiden Töchter in die Bundesrepublik zu holen.

Auch im Westen wurde die außergewöhnliche Kraft der Bildsprache Achim Freyers schnell erkannt. Trotz eines Grundgefühls des Exils konnte er seine Karriere nahtlos fortsetzen und führte zunehmend auch selbst Regie. 1976 wurde er als ordentlicher Professor für Bühnenbild an die Universität der Künste in Berlin berufen. Um auf dem Theater noch freier arbeiten zu können, gründete er 1988 das Freyer-Ensemble mit Schauspielern, Tänzern, Akrobaten, Sängern und Musikern. Das Werk des Bühnenbildners, Theater- Opern- und Filmregisseurs, des Malers, Zeichners und Bildhauers Achim Freyer ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden. Er ist Mitglied der Akademien der Künste in Berlin, Dresden, Leipzig und München, sowie der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Bensheim.

Der Lebensmittelpunkt dieses weltweit gefeierten Künstlers liegt in Berlin-Lichterfelde. Vor über 40 Jahren hat Achim Freyer hier mit Unterstützung einer Bürgerinitiative eine alte Villa vor dem bereits verordneten Abriss bewahrt. Das 1893 erbaute Haus, das heute unter Denkmalschutz steht, ist seitdem das Zuhause des überall auf der Welt arbeitenden Malers und Regisseurs. Und darüber hinaus seit einigen Jahren einer der außergewöhnlichsten Kunstorte Berlins.

In diesem Haus hat Achim Freyer über drei Etagen den Kunstwerken seiner Sammlung von weit über 2000 Werken Raum gegeben, die er seit Beginn der 1950er Jahre zusammengetragen hat. Diese Sammlung hat Achim Freyer mit der Gründung der ACHIM FREYER STIFTUNG im Jahr 2012 in seinem Wohnhaus, dem KUNSTHAUSES im Kadettenweg 53, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zudem werden in der Galerie des KUNSTHAUSES Wechselausstellungen bedeutender Gegenwartskunst gezeigt.

Weitere Informationen: www.achimfreyer.com